Mein Klavierweg

Moderne Klavierstücke für Wiedereinsteiger: Pop-Songs am E-Piano ausprobieren

Moderne Klavierstücke für Wiedereinsteiger: Pop-Songs am E-Piano ausprobieren

Es ist wieder einer dieser Sonntagabende in Leipzig. Draußen peitscht der Regen gegen das Fenster meines Arbeitszimmers, und die Katze hat es sich bereits auf der linken Hälfte der Klavierbank gemütlich gemacht – genau dort, wo ich eigentlich die tiefen Oktaven greifen müsste. Auf dem Notenständer meines digitalen Klaviers liegt ein vergilbtes Heft von 1994, mein altes „Best of Pop“, das ich damals zum Abitur bekommen habe. Der Geruch von altem, brüchigem Papier mischt sich mit dem typischen „Neu-Geruch“ der Kunststofftasten meines E-Pianos, das ich mir 2024 zum 46. Geburtstag geschenkt habe.

Hinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Wenn du über diese Links einen Kurs buchst, erhalte ich eine Provision, für dich ändert sich am Preis natürlich nichts. Ich teile hier nur meine ganz persönlichen Erfahrungen mit Programmen, die ich selbst auf Herz und Nieren (und Fingerfertigkeit) geprüft habe. Hier findest du meine volle Offenlegung.

Der Sprung ins kalte Wasser: Von Bach zu aktuellen Charts

Anfang Januar saß ich hier und starrte auf meine 88 Tasten. Ich hatte die letzten Monate damit verbracht, alte Bach-Inventionen und das eine oder andere Chopin Nocturne mühsam wieder auszugraben. Es war schön, ja – aber es fühlte sich auch ein bisschen so an, als würde ich versuchen, in ein Kleid zu passen, das mir mit 18 perfekt stand, heute aber an allen Ecken und Enden zwickt. Ich wollte etwas spielen, das nach 2026 klingt, oder zumindest nach dem, was heute im Radio läuft.

Die Hürde? Pop-Noten für Klavier sind oft entweder lächerlich einfach (nur die Melodie ohne Pepp) oder so kompliziert arrangiert, dass man als Wiedereinsteigerin nach acht Jahren Pause (und dann 25 Jahren Stillstand) sofort das Handtuch werfen möchte. Mein Ziel war es, moderne Stücke zu finden, die nicht wie „Hänschen Klein“ für Erwachsene klingen.

Hände beim Klavierspielen auf einer gewichteten Tastatur mit alten Noten

Das Experiment mit dem 52-Wochen-Plan

Nach etwa sechs Wochen systematischer Übung im Februar merkte ich, dass ich eine Struktur brauchte, die über mein altes Notenheft hinausgeht. Ich habe mich an KEYBOARD X herangewagt. Der Kurs ist eigentlich ein strukturierter 52-Wochen-Plan, der einen sehr logisch an die Hand nimmt. Was mir gefiel: Es ist nicht so „akademisch“ wie mein alter Unterricht in den Neunzigern. Es geht viel um Rhythmus und das Verständnis, wie Pop-Songs eigentlich aufgebaut sind.

Obwohl der Fokus bei diesem Anbieter stark auf Keyboard-Stilen liegt, hat es mir geholfen, die Brücke zu schlagen. Ich lernte, dass man nicht jede Note sklavisch ablesen muss, sondern auch mit Akkordsymbolen arbeiten kann. Das war für mich als klassisch gedrillte Schülerin eine echte Offenbarung – fast so, als würde man nach Jahrzehnten des Vorlesens plötzlich lernen, frei zu sprechen. Wer eher in die Blues-Richtung schnuppern will, findet dort übrigens auch spannende Ansätze, wie ich neulich in meinem Artikel über Blues Klavier lernen für Anfänger beschrieben habe.

Warum „einfach“ oft frustrierender ist als „original“

Hier kommt meine ganz persönliche Erkenntnis dieser Frühlingswochen: Ich glaube, wir Wiedereinsteiger machen oft den Fehler, zu „Easy Piano“-Versionen zu greifen. Das klingt dann im Wohnzimmer oft dünn und unbefriedigend. Während der ersten warmen Tage im April saß ich am Fenster und versuchte mich an einem aktuellen Song von Adele. Zuerst mit einer vereinfachten Version – furchtbar! Es klang nach nichts.

Dann habe ich mir das komplexere Original-Arrangement vorgenommen. Ja, es war verdammt schwer. Ja, ich musste das Blattspiel am Klavier trainieren, um überhaupt durch die ersten Takte zu kommen. Aber der musikalische Wiedererkennungswert war so hoch, dass mich die technische Hürde gar nicht so sehr gefrustet hat. Wenn es endlich so klingt wie auf dem Album, dann verzeiht man sich auch, dass man drei Abende für zwei Zeilen gebraucht hat.

Wenn die Finger nicht so wollen wie der Kopf

An einem verregneten Sonntagabend im Mai kam dann der Dämpfer. Ich versuchte, eine Synkope – diesen typischen versetzten Rhythmus im Pop – sauber zu spielen. Aber meine Finger waren so steif wie bei einer Bach-Etüde. Da war es wieder: Das leichte Zittern im linken Ringfinger bei schnellen Oktavsprüngen. Es ist diese kleine, gemeine Erinnerung meines Körpers, dass 30 Jahre Pause eben nicht spurlos verschwinden. Man kann das Gehirn austricksen, aber die Sehnen brauchen Zeit.

Ich habe dann versucht, das Handgelenk locker zu halten, so wie ich es neulich gelesen hatte. Mein E-Piano hat mir dabei geholfen, weil ich die Begleitfunktion nutzen konnte. Wenn das Schlagzeug aus dem Lautsprecher dezent mitläuft, zwingt es einen aus dieser klassischen Starre heraus. Man fängt an zu „grooven“, auch wenn das Wort für eine 46-jährige Lektorin vielleicht ein bisschen hochgegriffen ist.

Ausblick: Vom Keyboard-Stil zur Akademie

Jetzt, Mitte Juni, merke ich, dass ich bereit für den nächsten Schritt bin. Keyboard X war super für den Einstieg in die Pop-Welt und um überhaupt wieder eine tägliche Routine zu finden. Aber ich merke, dass ich doch wieder mehr Tiefe suche – echte Klavier-Ausbildung, nur eben modern serviert. Ich liebäugle gerade sehr mit der RS-Piano-Akademie. Das Format wirkt deutlich seriöser und akademischer (im positiven Sinne!) als die typischen Apps, die nur Tasten aufleuchten lassen.

Es ist ein bisschen wie bei meiner Arbeit im Verlag: Manchmal reicht ein kurzes Lektorat, aber manchmal muss man das ganze Manuskript noch einmal von Grund auf strukturieren. Die RS-Piano-Akademie scheint genau diesen Tiefgang für Erwachsene zu bieten, die es nach der langen Pause noch einmal wirklich wissen wollen. Vielleicht schaue ich mir dort auch noch mal die Handhaltung am Klavier genauer an, damit mein Ringfinger endlich Ruhe gibt.

Falls du auch gerade überlegst, dein altes E-Piano (oder das neue Geschenk an dich selbst) zu entstauben: Fang einfach an. Such dir einen Song, den du liebst – nicht einen, von dem du denkst, er sei „einfach genug“. Die Katze wird sich an die schrägen Töne gewöhnen, versprochen. Und das Gefühl, wenn man nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder einen Song spielt, den man tatsächlich auch im Radio mitsingen würde? Unbezahlbar.

Verwandte Artikel