Mein Klavierweg

Digitalpiano für Wiedereinsteiger: Warum ein E-Piano in der Mietwohnung ideal ist

Aktualisiert
Digitalpiano für Wiedereinsteiger in der Mietwohnung – kompaktes E-Piano zum Klavier üben ohne Lärm für die Nachbarn

Wie viel Klavier üben passt in eine stille Mietwohnung?

Wie oft darf man denselben Takt in einer Mietwohnung wiederholen, bevor jemand im Treppenhaus die Geduld verliert? Ich habe darauf noch keine Antwort, nur eine Vermutung: mit einem Digitalpiano deutlich öfter als mit einem akustischen. Der Wiedereinstieg ins Klavierspiel hat mich diese Frage in den letzten Wochen fast täglich gestellt, meistens abends, wenn ich nach der Arbeit noch die Kopfhörer aufsetze und irgendwo zwischen zwei Takten hängenbleibe.

Mein Digitalpiano steht seit meinem Geburtstagsgeschenk an mich selbst bei mir zu Hause, und es hat die Antwort auf eine ganz andere Frage längst geliefert: die, ob ich als erwachsene Wiedereinsteigerin in einer Mietwohnung überhaupt vernünftig üben kann. Kurze Antwort, ja, aber anders, als ich dachte.

Vor dem Kauf lag mein altes Notenheft von 1994 jahrelang im Keller, brüchig an den Ecken, mit einem Geruch nach Staub, den ich sofort wiedererkannt habe. Als ich es zum ersten Mal wieder aufs Notenpult gelegt habe, ist mir beim Umblättern gleich eine Ecke abgerissen. Ein kleiner Riss, kein großes Drama, eher ein Zeichen, dass die Pause lang genug war, um Papier brüchig werden zu lassen, aber offenbar nicht lang genug, um alles zu vergessen.

Ein vergilbtes Klaviernotenheft von 1994 auf dem Notenständer neben dem Digitalpiano – Klavier üben nach dem Wiedereinstieg

Kein Instrument zweiter Klasse

Lange dachte ich, ein E-Piano sei bestenfalls eine Übergangslösung — etwas für Leute, die sich noch nicht sicher sind, ob sie dranbleiben. Diese Vorstellung stammt vermutlich noch aus den blechern klingenden Keyboards, an denen ich als Kind gelegentlich in Musikgeschäften herumgeklimpert habe. Für den Wiedereinstieg nach fast drei Jahrzehnten Pause war sie jedenfalls falsch.

Moderne Digitalpianos setzen auf das, was Fachleute als Graded Hammer Action bezeichnen: eine Tastatur, die sich in den tiefen Lagen bewusst schwerer anfühlt als oben. Ein Detail, das man erst zu schätzen weiß, wenn man es einmal selbst unter den Fingern gespürt hat.

Beim Probespielen im Laden habe ich schnell gemerkt, woran man beim Kauf nicht sparen sollte. Die billigsten Modelle fühlten sich unter den Fingern eher wie eine Computertastatur an, schwammig, ohne echten Widerstand. Für jemanden mit eingerosteter Feinmotorik ist genau das ein Problem, weil man dann die falsche Kraftdosierung lernt statt der richtigen. Eine ordentliche Klaviatur war mir am Ende wichtiger als jede zusätzliche Klangfarbe, die ich sowieso nie anrühre.

Vier Takte, die plötzlich saßen

Bevor ich mir das Digitalpiano gekauft habe, hatte ich noch eine Probestunde bei einer Klavierlehrerin gebucht, in der Hoffnung, mich wieder einzugewöhnen. Sie hat mir gleich zu Beginn ausschließlich Tonleitern verordnet, kein einziges Stück, keine Ausnahme. Ich bin nicht wiedergekommen. Das war vermutlich keine schlechte Lehrerin, nur die falsche Methode für eine Frau, die zuerst wieder Musik hören wollte und erst danach Systematik.

In Woche vier saß ich an der Bach Invention aus meinem alten Heft und habe die ersten vier Takte zweimal hintereinander sauber durchgespielt — beide Hände zusammen, ohne dass eine die andere aus dem Takt gebracht hat. Ich bin danach eine Weile einfach nur sitzen geblieben, die Hände noch auf den Tasten, und habe gemerkt, wie ungewohnt es sich anfühlt, wenn etwas nach so langer Pause tatsächlich funktioniert.

Die Koordination beider Hände ist seitdem mein größtes Thema, mit deutlich mehr Fortschritt, als ich erwartet hätte. Frustrierend war die Woche trotzdem, weil mein linker Ringfinger bei der nächsten Passage prompt wieder den Mittelfinger mitgezogen hat, als wären beide mit einem Gummiband verbunden.

Mein Kollege Bruno Czichowski fragt inzwischen regelmäßig höflich nach dem Stand der Dinge. Von Musik versteht er ehrlich gesagt nichts, aber sein Interesse ist echt, und manchmal hilft es schon, jemandem laut zu erzählen, dass vier saubere Takte sich gerade wie ein kleiner Sieg anfühlen.

Nahaufnahme von Händen beim Klavier üben auf der Tastatur eines Digitalpianos während des Wiedereinstiegs

Kopfhörer rein, Nachtruhe egal

Ab 22 Uhr gilt in meinem Haus die gesetzliche Nachtruhe, und das ist auch völlig in Ordnung so, ich möchte selbst keine Bach Invention um Mitternacht durch drei Stockwerke hören. Früher hätte das bedeutet, auf einen Moment zu warten, in dem die Nachbarn ohnehin unterwegs sind, eine Runde über das Agra-Gelände in Markkleeberg zum Beispiel. Mit dem Digitalpiano betrifft mich das kaum noch, weil ich den größten Teil meiner Übezeit mit Kopfhörern verbringe.

Das gibt mir eine Freiheit, die ich mit einem akustischen Instrument in dieser Wohnung nie hätte: Ich kann nach einem langen Tag im Verlag noch spät üben, ohne an die Nachbarn zu denken. Genau in diesen späten Sessions traue ich mich auch mehr — ich spiele Passagen so langsam, dass sie kaum wie Musik klingen, nur wie eine mechanische Fingerübung, bei der niemand zuhört und mitzählt. Wer selbst mit Kopfhörern üben will, findet in meinem Artikel über das Klavier spielen mit Kopfhörern ein paar praktische Hinweise dazu.

Genau daran, wie ich beim Klavier beide Hände koordiniere, arbeite ich in diesen leisen Sessions am liebsten weiter, weil ich mich traue, eine Passage so oft zu wiederholen, wie nötig, ohne dass jemand mitzählt.

Der kalte Kunststoff der Tasten beim ersten Anschlag nach Feierabend fühlt sich jedes Mal kurz fremd an, fast wie eine Erinnerung, die erst auftauen muss, bevor die Finger wieder wissen, was sie tun sollen. Nach ein, zwei Minuten ist das vorbei, aber dieser erste Moment kommt zuverlässig jeden Abend wieder.

Der Platz in der Wohnung entscheidet mit

Ein akustisches Klavier braucht nicht nur seine eigene Grundfläche, sondern auch Luft drumherum, damit der Klang sich entfalten kann und das Holz nicht unter trockener Heizungsluft leidet. In meiner Wohnung, die gleichzeitig Bibliothek, Esszimmer und gelegentlich Katzenzimmer ist, war dafür schlicht kein Platz.

Davon braucht ein Digitalpiano spürbar weniger. Sollte ich in Leipzig irgendwann doch noch einmal umziehen müssen, reichen dafür zwei kräftige Freunde und ein Kombi, statt eines spezialisierten Klaviertransports. Das allein war für mich schon ein Argument, das schwerer wog, als ich vor dem Kauf gedacht hätte.

Manchmal fehlt mir trotzdem das leise Vibrieren im Boden, das ein echtes Gehäuse beim Pedaltreten macht — dieses physische Mitschwingen des Raumes. Aber die niedrigere Hemmschwelle, sich für zehn Minuten hinzusetzen, während der Tee zieht, wiegt das für mich locker auf. Kein Stimmen, keine Sorge um die Luftfeuchtigkeit im Winter, kein schlechtes Gewissen wegen der Lautstärke.

Platzsparendes Digitalpiano mit Kopfhörern in einer kleinen Mietwohnung – ideal für Wiedereinsteiger

Zwischen Verlag und Klavierbank

Erika Brundtland aus meiner monatlichen Musikrunde spielt ausschließlich klassisches Repertoire, keinen einzigen Popsong, egal wie sehr man sie darum bittet. Neulich hat sie mich gefragt, ob mir die vielen langsamen Wiederholungen nicht auf die Nerven gehen. Tun sie manchmal, aber genau darin liegt offenbar der Unterschied zwischen Üben und bloßem Spielen.

Diese Übungen wirken oft banal, bis man merkt, dass genau die Langsamkeit es ist, die eine Passage später tatsächlich sitzen lässt — schneller wird sie erst, wenn die Finger sie im Schlaf können, nicht umgekehrt. Auch das Frustplateau, an dem sich tagelang nichts zu bewegen scheint, gehört offenbar einfach dazu, so wie beim Fahrradfahren nach Jahren Pause die ersten Meter wackelig sind, bevor der Körper sich von selbst wieder erinnert.

Ich bin keine Konzertpianistin und werde auch keine mehr — das war mir von Anfang an klar. Was ich inzwischen weiß: Fortschritt beim Wiedereinstieg zählt sich nicht in Stunden, sondern in einzelnen Takten, die beim zweiten Versuch schon sitzen. Dass ich in einer ganz normalen Mietwohnung in Gohlis überhaupt wieder regelmäßig üben kann, ohne auf Uhrzeiten und Nachbarn zu schielen, verdanke ich ziemlich direkt der Entscheidung für das Digitalpiano. Wer selbst gerade erst wieder anfängt und nicht weiß, womit: Ich habe einmal aufgeschrieben, welche leichten Klavierstücke für Wiedereinsteiger mir in den ersten Wochen am meisten geholfen haben, ohne dass ich gleich wieder frustriert aufgegeben hätte.

Die Katze liegt auch heute Abend wieder auf der Klavierbank, unbeeindruckt von der Bach Invention. Und ich drücke den letzten Akkord des Abends noch einmal, ganz leise — nicht, weil es perfekt klingt, sondern weil vier saubere Takte für eine Woche schon reichen.

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