Mein Klavierweg

Woche 1: Das Knistern von 1994 und die Steifheit der Finger – Mein Neuanfang am Klavier

Woche 1: Das Knistern von 1994 und die Steifheit der Finger – Mein Neuanfang am Klavier

Es hat dieses ganz bestimmte Geräusch gemacht – ein trockenes Knacken, als ich den blauen Plastikdeckel meines alten Notenhefts von 1994 zum ersten Mal seit Ewigkeiten aufgeschlagen habe. Der Rücken ist gebrochen, genau bei der Invention Nr. 1 von Bach. Ein schlechtes Omen? Vielleicht. Aber als ich am Montagabend, dem 6. April, zum ersten Mal die Tasten meines neuen Digitalpianos berührt habe, war da eher dieses seltsame Zittern in den Fingerspitzen.

Bevor ich dir aber von meinen ersten (sehr holprigen) Gehversuchen erzähle: In diesem Tagebuch verstecken sich gelegentlich Affiliate-Links. Wenn du darüber einen Kurs buchst, erhalte ich eine kleine Provision, ohne dass es für dich teurer wird. Ich teile hier nur, was ich für meinen eigenen Weg zurück zur Musik wirklich ausprobiere und für gut befinde. Meine Transparenz-Seite dazu findest du hier.

Der 6. April: Das erste Mal seit dem Abi

Da stand es nun in meinem Wohnzimmer in Leipzig, zwischen den überquellenden Bücherregalen und der alten Stehlampe. Ein digitales Klavier – mein Geschenk an mich selbst zum 46. Geburtstag. Ich hatte acht Jahre Unterricht, war nie eine Virtuosin, aber ich konnte Chopin spielen, ohne dass die Nachbarn die Polizei riefen. Das war vor 22 Jahren. Seitdem? Nichts. Studium, Verlagskampagnen, Manuskripte, Umzüge.

Mein erster Anschlag war ein C-Dur-Akkord. Ganz vorsichtig. Die Katze, die eigentlich gerade ihren Abendsschlaf hielt, ist sofort auf die Klavierbank gesprungen und starrte mich an, als hätte ich ein fremdes Wesen in die Wohnung gelassen. Die Tasten fühlen sich anders an als das alte Klavier meiner Eltern – ein bisschen zu perfekt, fast schon klinisch. Aber der Klang in den Kopfhörern war so warm, dass ich kurz die Augen schließen musste.

Wenn die linke Hand die Sprache vergisst

Am Donnerstag, dem 9. April, kam dann die Realität mit der Wucht eines schlecht lektorierten 800-Seiten-Wälzers zurück. Ich dachte wirklich, ich könnte einfach so wieder in ein Chopin Nocturne einsteigen. Spoiler: Nein. Überhaupt nicht.

Das größte Problem? Der Bassschlüssel. Es ist, als hätte mein Gehirn diesen Teil der Festplatte gelöscht, um Platz für ISBN-Nummern und Korrekturzeichen zu schaffen. Ich starre auf die Notenlinien und muss abzählen – G, H, D... nein, das war ein F. Es ist frustrierend. Meine Finger fühlen sich an wie dicke Holzklötze, die versuchen, eine Nadel einzufädeln. Besonders die linke Hand ist komplett bockig. Sie macht einfach nicht, was das Blatt verlangt, während die rechte Hand zumindest noch eine vage Ahnung hat, wohin die Reise gehen soll.

Brauche ich wieder einen Lehrer?

Ich merke schnell, dass ich ohne Struktur nicht weit komme. Einfach nur in alten Heften blättern macht zwar nostalgisch, aber meine Technik ist... nun ja, nicht vorhanden. Ich habe angefangen zu recherchieren, wie man als Erwachsene heute lernt. Man will ja nicht unbedingt wieder in die Musikschule um die Ecke, wo man zwischen achtjährigen Wunderkindern im Flur wartet.

Ich habe mir diese Woche die RS-Piano-Akademie genauer angesehen. Was mir als Lektorin gefällt: Es wirkt sehr strukturiert, fast wie ein akademischer Lehrplan, aber eben für Leute wie mich, die abends um 20 Uhr nach dem Büro noch mal ran wollen. Es ist definitiv ein höheres Niveau als diese typischen Apps, bei denen man nur bunten Balken hinterherjagt. Für den ganz schmalen Geldbeutel zum Reinschnuppern gibt es auch meineMusikschule Klavier, was für den absoluten Anfang sicher reicht, aber ich glaube, ich brauche etwas mehr Tiefe, wenn ich Chopin jemals wieder flüssig hören will.

Sonntagabend: Ein kleiner Lichtblick

Heute ist der 12. April, Sonntagabend. Die S-Bahn rattert draußen vorbei, und ich habe gerade noch einmal 20 Minuten geübt. Und siehe da: Die ersten vier Takte einer kleinen Sonatine von Clementi liefen fast ohne Stocken. Es ist ein winziger Sieg, aber es fühlte sich gut an. Wie Fahrradfahren, bei dem man am Anfang noch Schlangenlinien fährt, aber merkt, dass das Gleichgewicht langsam zurückkehrt.

Meine Finger tun ein bisschen weh – diese ungewohnte Spreizung rächt sich. Aber das Gefühl, nach dem Tag im Verlag nicht nur in den Fernseher zu starren, sondern etwas mit den eigenen Händen zu erschaffen, ist unbezahlbar. Selbst wenn es diese Woche nur sehr schiefe Töne waren.

Nächste Woche will ich versuchen, den Bassschlüssel wieder flüssiger zu lesen. Drück mir die Daumen. Wenn du auch gerade wieder anfängst: Sei nicht zu hart zu dir selbst. Unsere Finger sind vielleicht älter geworden, aber unsere Ohren wissen immer noch, wie die Musik klingen soll. Wir müssen nur den Weg dazwischen wieder freischaufeln.