
Sechsunddreißig Notenhefte habe ich in diesem Sommer aus dem Regal gezogen, bevor ich das erste davon auf den Scanner gelegt habe – eine Zahl, die mich selbst überrascht hat, weil ich nie bewusst mitgezählt hatte, wie viel Papier sich seit meiner Schulzeit angesammelt hat. Mein Klavier-Wiedereinstieg hat mich in diesem Sommer mitten in ein Digitalisierungsprojekt katapultiert, das ich so nicht geplant hatte: Meine ganze alte Notensammlung sollte papierlos auf einem Tablet landen, griffbereit auf dem Notenständer meines E-Pianos.
Am auffälligsten war mein Chopin-Nocturne-Heft von 1994, dessen Rücken über die Jahrzehnte so steif geworden ist, dass es beim Spielen ständig wieder zuschnappte – meistens genau dann, wenn ich die Hände für die ersten Takte heben wollte. Die vergilbten Seiten zu lesen, fühlte sich streckenweise an wie eine fast vergessene Handschrift zu entziffern: Die Zeichen sind noch dieselben, nur die Übung darin fehlt. Einmal hätte der schwere Einband beinahe den Schwanz meiner Katze erwischt, die sich wie üblich auf der Klavierbank breitgemacht hatte. Das war der Moment, in dem ich beschlossen habe: Dieses Heft muss weg vom Papier.
Beim Klavier-Wiedereinstieg landete eine App nach zwei Wochen ungenutzt auf dem Nachttisch
Vor diesem Sommer hatte ich es schon einmal versucht, allerdings anders: mit einer Klavier-App auf dem iPad, die mir digitale Notenblätter versprach. Nach zwei Wochen lag das iPad nur noch unbenutzt auf meinem Nachttisch, weil sich die App wie ein zusätzliches Programm anfühlte, das ich neben dem eigentlichen Üben erst lernen musste. Diesmal wollte ich es einfacher: keine neue Software, nur meine eigenen Noten, eingescannt und dann einfach da, wo ich sie brauche.

Die richtige Auflösung für alte Notenhefte
Für die Auflösung habe ich mich für 300 dpi entschieden, den Standardwert, bei dem Notenköpfe und die feinen Linien der Dynamikbezeichnungen auch beim Hineinzoomen scharf bleiben. Während ich Seite für Seite einscannte, versuchte die Katze beharrlich, sich auf jedes Blatt zu setzen, das gerade glattgestrichen werden sollte. Es war ein langsames, fast meditatives Projekt, das sich über das ganze Frühjahr zog.
Zwischendurch bin ich einmal eine Runde die Karl-Heine-Straße im Leipziger Stadtteil Plagwitz entlanggelaufen, nur um die Augen von den grauen Scan-Rastern zu lösen.
Ein Tablet in A4-Größe macht den Unterschied
Alles sollte auf einem Tablet mit einer Bildschirmdiagonale von 12,9 Zoll zusammenlaufen, weil dieses Format fast genau den klassischen A4-Maßen von 210 x 297 mm entspricht. Nichts ist anstrengender, als auf einem zu kleinen Display die Vorzeichen einer Bach-Invention zu entziffern, während die Hände eigentlich mit den Arpeggios kämpfen – gerade wenn man sich, wie ich, den Wiedereinstieg mit flüssigen Übergängen vorgenommen hat.
Meine Schultern haben es als Erste gemerkt. Sobald ich eine komplexe Passage, die ich früher kaum entziffern konnte, einfach mit zwei Fingern heranzoomen konnte, verschwand die Anspannung, die sich sonst dort festgesetzt hatte, fast von allein.
Schlechte Scans, gutes Gehör
Eine Beobachtung fiel mir eher zufällig auf: Aus Versehen hatte ich eine Seite mit viel zu niedriger Auflösung gescannt, kaum mehr als eine grobe Skizze der Noten, und wollte sie schon löschen. Stattdessen habe ich einfach danach gespielt.
Weil ich nicht mehr jedes Detail stur vom Blatt ablas, musste ich mich mehr auf mein Gehör und mein Muskelgedächtnis verlassen. Diese fast miniaturhaften Scans verhinderten das stupide Abstarren der Noten – das Tablet zeigte nur die Richtung, die Hände erzählten den Rest.
Wie gut das Gehör inzwischen mitarbeitet, wurde mir erst in der achten Woche seit meinem Wiedereinstieg richtig bewusst: Eine Kollegin im Lektorat fragte mich, was das für eine Melodie sei, die ich beim Kaffeeholen die ganze Zeit vor mich hin summe, und ich musste erst kurz nachdenken, bevor mir klar wurde, dass es das Menuett aus einem meiner alten Hefte war – auswendig gelernt, ohne dass ich es bemerkt hatte.

Seiten umblättern, ohne die Hände von den Tasten zu nehmen
Der eigentliche Wendepunkt kam in den heißesten Tagen des Julis, als ich ein Stück mit vielen schnellen Seitenwechseln übte. Früher bedeutete das: eine Hand hastig von den Tasten reißen, hoffen, nur eine Seite zu erwischen, und dabei den Rhythmus nicht völlig zu ruinieren. Jetzt sitzt neben dem Pedal meines E-Pianos ein kleines Bluetooth-Pedal, das per Fußdruck die Seite weiterschaltet.
Technisch ist das simpel: Das Pedal schickt Standardbefehle wie „Bild auf" an das Tablet, genau wie eine kabellose Tastatur. Beim ersten Mal, als ich mitten in einem Lauf sanft mit dem linken Fuß tippte und die nächste Seite lautlos erschien, fühlte ich mich für einen Moment wie eine Zauberin – kein Rascheln, kein Umknicken, kein Bruch im Fluss, was mir besonders hilft, wenn ich Klavierspielen gegen Stress nach einem langen Tag im Lektorat einsetze.
In den Pausen zwischen zwei Tönen höre ich im Kopfhörer manchmal ein ganz leises Grundrauschen, kaum mehr als ein Hauch – genug, um mich daran zu erinnern, dass ich gerade nicht am echten Klavier sitze, sondern an einer sehr guten Kopie davon.
Was diese Woche nicht geklappt hat
Nicht alles läuft rund. Letzten Mittwoch war der Akku des Pedals leer, ausgerechnet als ich mich an eine schwierige Passage von Chopin herangewagt habe. Ich saß da, den Fuß bereit zum Tippen, und nichts passierte.
Kurz flackerte die alte Frustration auf, ganz ähnlich wie früher, wenn das Heft einfach zugeschnappt ist. Dann musste ich lachen – die Technik ist eben auch nur ein Hilfsmittel, kein Ersatz fürs eigentliche Üben.

Notenhefte als Archiv, nicht als Altlast
Eine Freundin von mir backt seit der Pandemie ihr eigenes Sauerteigbrot und probiert ständig neue Mehlsorten aus – Roggen, Dinkel, manchmal beides gemischt. Bei mir sind es eben die alten Noten, die gerade neu gemischt werden: dieselben Stücke, aber in einer Form, mit der ich tatsächlich wieder etwas anfangen kann.
Die alten Hefte stehen jetzt im Regal wie ein Archiv, eine Sammlung von Erinnerungen, die ich nicht mehr jeden Tag anfassen muss. Mein gesamtes musikalisches Leben passt inzwischen in ein flaches Gerät, das stabil auf dem Notenständer meines E-Pianos liegt.
Wer nach Jahrzehnten wieder anfängt, muss nicht zwischen altem Papier und neuer Technik entscheiden – es reicht, die Barriere zwischen Augen und Fingern kleiner zu machen, egal mit welchem Mittel. Und wenn die Katze jetzt auf der Klavierbank einschläft, muss kein zuschnappendes Heft sie unsanft wecken.