Mein Klavierweg

Tonleitern am Klavier üben: Warum Grundlagen für den Wiedereinstieg wichtig sind

Tonleitern am Klavier üben beim Wiedereinstieg: Digitalpiano mit aufgeschlagenem Notenheft als Grundlage für Erwachsene

Zwölf Dur-Tonleitern stehen auf meiner Übungsliste, und ausgerechnet bei einer einzigen kippt der Daumen jedes Mal im gleichen Moment nach außen. Seit vier Wochen übe ich sie systematisch, jeden Tag ein Stück weiter durch den Quintenzirkel, und genau dieser eine Kipp-Punkt hat sich bisher keinen Millimeter bewegt. Mein Klavier-Wiedereinstieg fühlt sich in diesen Wochen weniger nach Musik an als nach Physiotherapie für die rechte Hand – Tonleitern üben als tägliche Grundlagen-Pflichtübung, stur wiederholt, bis der Automatismus endlich sitzt.

Vor diesen vier Wochen sah die Sache noch anders aus: Ich wollte eigentlich nur ein altes Menuett aus meinem Notenheft von 1994 wieder zum Klingen bringen, ganz ohne Umweg über Grundlagen.

Die Finger folgten dem Notenbild zwar noch, aber die alte Selbstverständlichkeit war weg – als hätte über Nacht jemand die Handschrift meiner eigenen Finger verändert. Genau in diesem Moment habe ich extra den alten MIDI-Controller aus dem Keller geholt, mit dem ich Jahre zuvor mal herumgespielt hatte, in der Hoffnung, dass ein bisschen zusätzliches Üben unterwegs helfen würde. Die Tasten gaben aber keinen richtigen Widerstand, fühlten sich unter den Fingern seltsam leblos an, und nach einer Woche hatte ich das Ding wieder im Keller verstaut.

Der Automatismus, der einfach verschwunden war

Als Kind lief das einfach so nebenher, ohne dass ich groß darüber nachdenken musste. Zwei Jahre nach meinem Wiedereinstieg verhandelt heute jeder einzelne Finger für sich, so wie beim ersten Mal Fahrradfahren nach zwanzig Jahren Pause, wenn der Körper sich zwar erinnert, aber jede Bewegung trotzdem neu abgeglichen werden muss.

Das Digitalpiano steht seit über einem Jahr an der Nordwand zwischen Bücherregal und Fensterrahmen, das Kopfhörerkabel hängt am linken Arm des Notenständers und verheddert sich beim Umblättern gern in den Seiten. Auf dem Fensterbrett stapeln sich noch die vergilbten Hefte aus den Neunzigern, die ich nie richtig weggeräumt habe, und auf der Bank liegt die flachgedrückte Wolldecke, die inzwischen mehr der Katze gehört als mir.

Nahaufnahme eines vergilbten Klaviernotenhefts von 1994 auf einem modernen E-Piano als Symbol für Klavier-Grundlagen beim Wiedereinstieg

Ich arbeite mich zurück zu C-Dur, Ton für Ton

Also fange ich systematisch wieder bei C-Dur an, jeden Tag ein paar Durchgänge, bevor überhaupt ein richtiges Stück drankommt. Der Daumenuntersatz ist dabei der eigentliche Kern der Übung: Bei der aufsteigenden C-Dur-Tonleiter spielen die ersten drei Finger der rechten Hand C, D und E ganz normal nacheinander, und dann muss der Daumen unter die Hand hindurch auf das F wandern, ohne dass die Handfläche kippt oder der Ton davor lauter wird als die anderen. Genau dieser eine Übergang entscheidet darüber, ob eine Tonleiter später gleichmäßig klingt oder wie eine Aneinanderreihung einzelner Ruckler.

Bei der linken Hand ist es spiegelverkehrt: Dort muss der dritte oder vierte Finger über den Daumen greifen, meistens an einer anderen Stelle der Tonleiter als in der rechten Hand, was am Anfang für ziemliche Verwirrung sorgt, wenn man beide Hände gleichzeitig koordinieren will. Rosemarie Völkner, mit der ich seit meinem allerersten Forumsbeitrag für Wiedereinsteiger in Kontakt bin, schickte mir letzte Woche einen YouTube-Link, der genau diesen Übergang in Zeitlupe zeigt. Sie ist technisch schon ein ganzes Stück weiter als ich und großzügig mit solchen Tipps.

Ich arbeite die Tonleitern dabei im Quintenzirkel durch, nicht alphabetisch von A bis G, damit bei jedem Schritt nur ein einziges neues Vorzeichen dazukommt, statt dass ich zwischen völlig fremden Tonarten hin- und herspringe.

Wie in einer Fremdsprache, die man früher fließend sprach und heute nur noch stockend zusammensetzt, kommen die alten Griffmuster erst gemeinsam mit neuem Vokabular zurück. Trotzdem muss man jedes Kreuz und jedes Be neu lernen, auch wenn der Klang vertraut bleibt. Wenn du gerade selbst mitten in diesem Gestrüpp aus Vorzeichen steckst, hilft dir vielleicht mein kleines Glossar der Klavier-Begriffe für Wiedereinsteiger, das ich selbst ständig griffbereit habe, wenn ich vor lauter Fachbegriffen den Überblick verliere.

Detailaufnahme von Händen am Klavier beim Üben des Daumenuntersatzes für Tonleitern

Wann stehen Tonleitern der Musik im Weg?

Meine alte Schulfreundin Irene, die selbst kein Digitalpiano im Haus haben möchte, hat neulich am Telefon gefragt, ob das nicht alles ein bisschen zu mechanisch klingt. Für sie hat ein E-Piano ohnehin einen Klang wie aus der Konserve, egal wie viele Tonleitern ich darauf übe. Ganz unrecht hat sie damit nicht: Wenn ich die Läufe zu stur herunterspiele, merke ich, wie sich mein ganzer Oberkörper verspannt und die Musik komplett aus dem Zimmer verschwindet.

An einem Abend Mitte Mai spürte ich das besonders deutlich, mitten in der vierten Wiederholung von H-Dur: ein ziehendes, unangenehmes Gefühl im rechten Unterarm, das mich zwang, die Schultern bewusst fallen zu lassen und tief durchzuatmen. Das ist die eigentliche Gefahr an den Grundlagen: Man will die alte Geläufigkeit erzwingen und vergisst dabei, dass Klavier spielen für die Seele gedacht ist und nicht für ein tägliches Konditionstraining.

Manchmal ist eine Tonleiter nur eine lästige Pflichtübung, die man abhakt, ohne hinzuhören.

Eine Katze schläft friedlich auf der gepolsterten Klavierbank neben der Tastatur während des täglichen Klavier-Wiedereinstiegs

Das Vertrauen in die Finger kommt zurück

Die Katze hat sich im Lauf dieser vier Wochen eine feste Gewohnheit angewöhnt: Sobald ich die Bank herunterklappe, springt sie hoch und legt sich auf die Wolldecke, egal wie viele Tonleitern noch anstehen. In den Pausen zwischen zwei Tönen ist da immer dieses leise Rauschen im Kopfhörer, kaum mehr als eine Erinnerung ans eigene Ohr, aber es holt mich jedes Mal zurück in die Übung, wenn die Gedanken schon beim nächsten Manuskript im Verlag sind.

Nach diesen vier Wochen täglichem Fingertraining ist etwas passiert, das sich fast magisch anfühlt. Letzten Mittwoch fanden meine Finger die Tasten in G-Dur und D-Dur fast von selbst, ohne dass mein Kopf jeden einzelnen Millimeter mitdenken musste. Ein kurzes Aufblitzen von Vertrauen in die eigene Motorik, das ich seit 1994 nicht mehr gespürt hatte.

Am Arbeitsplatz fragte mich letzte Woche eine Kollegin, was das für eine Melodie sei, die ich die ganze Zeit vor mich hin summe, und mir wurde in dem Moment erst bewusst, dass ich das kleine Menuett aus meinem alten Heft inzwischen komplett auswendig kann, ohne es je bewusst auswendig gelernt zu haben. Das ist wahrscheinlich nichts anderes als das eigene Muskelgedächtnis, das sich zurückmeldet. Ein Thema für sich, aber genau das schien in diesem Moment in meinen Fingern zu passieren.

Auf dem Weg die Karl-Heine-Straße entlang übe ich inzwischen auch ganz ohne Tasten unter den Fingern, gehe die Fingersätze nur im Kopf durch, während ich an den Schaufenstern in Plagwitz vorbeilaufe, offenbar auch das eine eigene Übungsform, nur ohne Klavier.

Von einer Bach Invention oder gar einem Chopin Nocturne bin ich noch meilenweit entfernt, aber diese Grundlagenarbeit fühlt sich inzwischen an wie das Sanieren eines Fundaments, auf dem später wieder etwas Ganzes stehen kann. Wenn mir die klassische Strenge zwischendurch zu viel wird, schaue ich gern bei Klassische Klavierstücke für Wiedereinsteiger bei meineMusikschule Klavier vorbei, weil dort oft ein guter Mittelweg zwischen Technik und Spielfreude gezeigt wird.

Tonleitern sind für mich inzwischen kein Übel mehr, das ich nur widerwillig abhake, sondern die Brücke zwischen der Frau, die heute an diesem Digitalpiano sitzt, und dem Mädchen, das 1994 den Klavierdeckel zum letzten Mal geschlossen hat. Wie sieht es bei dir aus – sind die alten Automatismen schon zurück, oder verhandeln deine Finger auch gerade jeden einzelnen Ton neu?

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