Mein Klavierweg

Klavier Etüden für Wiedereinsteiger: Sind Hanon und Czerny noch zeitgemäß?

Klavier-Wiedereinstieg mit Etüden: Hanon- und Czerny-Noten aufgeschlagen neben den Tasten eines Digitalpianos

Die ersten vier Takte der Hanon-Etüde Nummer eins laufen sauber durch — beide Hände zusammen, und beim zweiten Anlauf sitzt jeder Ton, ohne dass ich nachdenken muss, welcher Finger als Nächstes kommt. Für eine Übung, die seit Generationen in praktisch jedem Klavierheft steht, ist das kein kleiner Moment für eine Wiedereinsteigerin, die sich beim Klavierüben als Erwachsene fragt, ob Hanon und Czerny überhaupt noch etwas taugen.

Ein kurzer Hinweis, bevor es weitergeht: Ich schreibe hier über meine eigenen Erfahrungen und verlinke gelegentlich zu Kursen, die ich für meinen eigenen Wiedereinstieg ausprobiere. Kaufst du über einen dieser Affiliate-Links etwas, bekomme ich eine kleine Provision, ohne dass sich dein Preis ändert. Empfohlen wird nur, was mich als Lektorin und Hobby-Pianistin wirklich überzeugt. Hier ist meine vollständige Offenlegung.

Die Aktualität von Hanon und Czerny im Klavier-Wiedereinstieg

Meine Antwort darauf ist nicht ganz so einfach wie ja oder nein: Als alleiniges Trainingsprogramm taugen die alten Etüdenhefte für die meisten erwachsenen Wiedereinsteiger heute kaum noch — als punktuelles Werkzeug für ein ganz bestimmtes Problem dagegen schon.

Charles-Louis Hanon hat seine Sammlung im 19. Jahrhundert für angehende Virtuosen zusammengestellt. Carl Czerny, der Lehrer von Franz Liszt, hat mit seinem Op. 599 stolze 100 Übungsstücke hinterlassen.

Beide wurden für ein anderes Zeitalter geschrieben, in dem Klavierschüler Stunden am Tag zur Verfügung hatten und Technik oft vor Musik kam.

Wer nach Jahrzehnten Pause wieder einsteigt und abends nur eine begrenzte Zeit am Instrument hat, sollte sich vorher fragen, welches konkrete Problem eine Etüde eigentlich lösen soll, bevor er stundenlang Tonleiter-Muster wiederholt.

Klavier üben als Erwachsene: Nahaufnahme der Hände beim Spielen einer Hanon-Etüde im warmen Lampenlicht

Etüden gegen Repertoire-Technik: der Unterschied, der wirklich zählt

Hanon wollte mit seinen Mustern vor allem unabhängige Finger trainieren. Wie viel davon tatsächlich vom einzelnen Finger kommt und wie viel vom Rest der Hand, ist eine Frage für sich, die ich hier nicht aufdröseln will.

Repertoire-Technik dreht die Reihenfolge um. Statt vorher generische Muster zu üben, in der Hoffnung, dass die Finger irgendwann von selbst flink werden, nimmst du dir die eine Passage, die in deinem Stück gerade nicht läuft, und behandelst genau die wie eine Etüde: langsam, in Varianten, so oft wie nötig.

Der Unterschied ist nicht nur pädagogisch, sondern praktisch. Bei zwei Takten aus einer Bach-Invention, die du ohnehin lernen willst, bleibt dein Gehirn wach, weil das Ergebnis sofort hörbar in einem Stück landet, das dir etwas bedeutet. Bei der fünfzigsten Wiederholung eines Hanon-Musters schaltet es dagegen ab, und was der Kopf nicht mehr mitmacht, lernen die Finger auch nicht zuverlässig.

Was eine reine Fingerübung dagegen kaum berührt: Vom-Blatt-Spielen zum Beispiel, das schnelle Erkennen von Intervallen, oder ein Gefühl für Harmonielehre und den Quintenzirkel als Landkarte durch die Tonarten. Das sind eigene Baustellen, die ein Etüdenheft nie abdecken wird.

Technik lässt sich direkt im Stück trainieren

Der praktische Ablauf ist einfacher, als er klingt. Du nimmst dir den einen Takt, der hakt — nicht die ganze Passage, nur die zwei, drei Töne, die wirklich stolpern. Dann veränderst du den Rhythmus: erst punktiert, dann kurz-lang, dann lang-kurz, bis die Finger die Bewegung aus mehreren Blickwinkeln kennen.

Nach jedem Anschlag lohnt außerdem ein kurzer Check, ob das Handgelenk locker bleibt. Wie genau diese Entspannung funktioniert, ist noch mal ein eigenes Kapitel, das ich hier nicht aufmache.

Auch das Pedal sauber einzusetzen oder den Anschlag so zu dosieren, dass der Klang trägt statt zu klappern, sind eigene Fertigkeiten, die eine isolierte Fingerübung nicht mitliefert.

Das Prinzip ähnelt dem Fahrradfahren nach Jahren Pause: Die Grundbewegung ist noch da, aber die Feinheiten wie Balance in der Kurve und Bremsdosierung im Regen muss der Körper an der echten Situation neu kalibrieren, nicht auf dem Ständer im Stand.

Wie ich meine Tonleitern und die dazugehörigen Fingersätze wieder aufgebaut habe, beschreibe ich in einem eigenen Beitrag über Tonleitern am Klavier üben: Warum Grundlagen für den Wiedereinstieg wichtig sind.

Was beim Metronom-Drill nicht funktioniert hat

Nicht jeder Versuch, die Technik wieder aufzubauen, ist bei mir aufgegangen. Eine Woche lang habe ich stur im Takt des Metronoms geübt, in der Annahme, das würde mein Rhythmusgefühl schneller zurückbringen als alles andere. Stattdessen bin ich mit jedem Klick nervöser geworden, habe angefangen, mich zu verspannen, bevor der nächste Ton überhaupt fällig war, und am Ende der Woche habe ich das Ding einfach ausgestellt.

Das Grundprinzip, langsam und kontrolliert zu üben, ist im Kern richtig — nur eben nicht erzwungen im Korsett eines tickenden Geräts, das mich mehr gestresst als geerdet hat.

Online-Klavierkurs für den Klavier-Wiedereinstieg: Laptop mit Kursvideo neben dem E-Piano

Klavier üben als Erwachsene: kleine Bausteine statt großer Pläne

Seit zwei Jahren sitze ich nun wieder regelmäßig am Klavier, und die Erfahrung, die sich am deutlichsten wiederholt, ist simpel: Kurze, konstante Einheiten schlagen seltene, lange Sessions fast immer. Eine Freundin von mir hat vor einiger Zeit mit Ashtanga-Yoga angefangen und macht inzwischen jeden Tag zwanzig Minuten davon, bevor sie zur Arbeit geht — kein großes Ritual, einfach eine feste kleine Gewohnheit. Beim Klavier funktioniert dasselbe Prinzip.

Die Tasten fühlen sich nach einem langen Arbeitstag am Schreibtisch erst noch kühl und ein bisschen fremd an, bevor die Finger sie nach den ersten Minuten wieder warm spielen.

Es gibt außerdem Phasen, in denen sich über Wochen scheinbar nichts bewegt, und es gibt Übungsformen ganz ohne Instrument, bei denen der Kopf die Bewegung im Kopf durchspielt — beides eigene Kapitel, die hier nicht reinpassen.

Wo ein Kurs wie die RS-Piano-Akademie ins Spiel kommt

Allein mit den alten Heften komme ich nicht mehr weiter, das habe ich relativ schnell gemerkt. Gebraucht habe ich jemanden, der erklärt, wie sich eine erwachsene Hand heute bewegen sollte, ohne dass am nächsten Tag das Handgelenk schmerzt. Deshalb übe ich inzwischen auch mit der RS-Piano-Akademie — weniger „Drück diese Taste hundertmal", mehr Verständnis für die Bewegung dahinter, kombiniert mit einer Struktur, die sich nach einem Arbeitstag noch bewältigen lässt.

Für alle, die lieber einem festen, sehr strukturierten Fahrplan folgen, ist ein Programm wie Keyboard X mit seinem durchgezogenen 52-Wochen-Plan einen Blick wert. Persönlich bleibe ich eher bei der klassischen Ausbildung, weil sie näher an den Klang bringt, den ich im Kopf habe, wenn ich an Chopin oder Bach denke — aber die Marschrichtung ist am Ende Geschmackssache.

Wie zuverlässig sich das Muskelgedächtnis nach Jahrzehnten Pause tatsächlich wieder meldet, ist noch mal ein eigenes Thema, das ich anderswo ausführlicher behandle — dazu mehr in meinem Text über das Muskelgedächtnis am Klavier.

Czerny-Etüde mit handschriftlichen Notizen: vergilbte Notenseite aus dem Klavier-Wiedereinstieg

Eine Faustregel für den Einsatz von Etüden

Wenn du dich fragst, ob du deine alten Hanon- und Czerny-Hefte wieder rausholen sollst, würde ich es an einer einzigen Frage festmachen: Gibt es ein konkretes technisches Problem, das eine bestimmte Übung gezielt löst — etwa eine Bewegung, die in mehreren Stücken gleichzeitig hakt? Dann lohnt sich die gezielte Etüde für ein paar Minuten am Anfang der Übungszeit.

Gibt es dieses konkrete Problem nicht, sondern nur das diffuse Gefühl „ich sollte technisch arbeiten"? Dann bringt dich die Zeit an einer echten Passage aus einem Stück, das du wirklich spielen willst, in aller Regel weiter.

Meine alten blauen Hefte werfe ich deshalb nicht weg. Manchmal, aus Nostalgie, spiele ich noch die erste Hanon-Übung, nur um zu prüfen, ob die Finger noch wissen, wohin sie müssen. Den Kern meines Übens bilden sie aber nicht mehr.

Für die meisten Wiedereinsteiger, die abends nach der Arbeit ans Klavier setzen, bringt ein modernerer, ganzheitlicher Ansatz wie ihn die RS-Piano-Akademie anbietet, langfristig mehr als der reine Drill des 19. Jahrhunderts.

Verwandte Artikel