Mein Klavierweg

Klavierstücke auswendig lernen: Warum mein Gedächtnis in Woche 4 streikt

Klavierstücke auswendig lernen: Warum mein Gedächtnis in Woche 4 streikt

Es ist dieser eine Moment spät am Abend, wenn die S-Bahn draußen vor meinem Fenster in Leipzig-Gohlis leiser wird und nur noch das Surren des Kühlschranks zu hören ist. Ich sitze an meinem Digitalpiano, die Katze liegt zusammengerollt auf der Klavierbank und blockiert das untere Drittel der 88 Tasten, und plötzlich passiert es: Mitten im Takt des Bach-Präludiums herrscht gähnende Leere in meinem Kopf.

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Ich starre auf das leere Notenpult – ich wollte es ja heute „ohne“ versuchen – und meine linke Hand spielt hartnäckig einen C-Dur-Akkord, obwohl mein Kopf ganz genau weiß, dass es an dieser Stelle ein F-Dur sein müsste. Es ist frustrierend. Ich bin jetzt in Woche 4 meines Wiedereinstiegs und hatte gehofft, dass die acht Jahre Klavierunterricht aus meiner Kindheit wie eine Art Backup-Datei in meinem Gehirn gespeichert wären, die ich nur kurz anklicken muss.

Das vergilbte Erbe von 1994

Letzten Mittwochabend habe ich mein altes Notenheft von 1994 hervorgekramt. Es riecht nach altem Papier, nach Dachboden und ein bisschen nach der Aufregung von damals – eine Mischung aus vergilbten Seiten und den hektischen Bleistiftnotizen meines damaligen Lehrers, der mir immer wieder „Langsam!“ an den Rand schrieb. In den ersten zwei Wochen im Mai lief es noch erstaunlich gut. Ich dachte, das Gedächtnis brennt sich die Muster von selbst wieder ein.

Altes, vergilbtes Klavier-Notenheft von 1994 mit Bleistiftnotizen des Lehrers

Aber jetzt, Ende April fing es an und zieht sich durch den Mai: Mein Gehirn scheint eine Sperre eingebaut zu haben. Es ist ein absurder Kontrast. In meinem Job als Verlagslektorin kann ich ein 400-seitiges Manuskript auf die kleinsten logischen Fehler prüfen, Handlungsstränge über hunderte Seiten im Kopf behalten und komplexe Satzstrukturen entwirren. Aber an vier Takten eines Menuetts aus dem Notenbuch für Anna Magdalena Bach scheitere ich kläglich, sobald ich die Noten weglege.

Ich merke dann ein plötzliches Ziehen im Nacken, sobald ich versuche, die Augen von den Tasten zu lösen und mich nur auf das innere Ohr zu verlassen. Als würde mein Körper gegen die Unsicherheit protestieren. Vielleicht liegt es daran, dass ich als 46-Jährige ganz anders lerne als mit zehn. Damals sind die Stücke einfach „passiert“. Heute will ich verstehen, warum der Akkord dort steht, wo er steht.

Wenn die Logik dem Fluss im Weg steht

Das Problem ist wohl, dass wir Erwachsenen beim Lernen viel stärker den präfrontale Kortex nutzen. Wir analysieren, statt zu fließen. Ich versuche, das Stück wie ein Manuskript zu lektorieren, anstatt es wie eine Sprache zu sprechen. Mein prozedurales Gedächtnis – also das berühmte Muskelgedächtnis – ist nach der langen Pause noch etwas eingerostet.

Besonders schwierig wird es für mich durch eine Sache, die ich erst spät über mich selbst gelernt habe: Mein Gehirn braucht ständig neues Dopamin. Standardtipps wie „Wiederhole diese Passage einfach 50 Mal“ funktionieren bei mir nicht. Sobald die Monotonie einsetzt, schaltet meine Konzentration ab – eine klassische exekutive Dysfunktion, die viele mit ADHS-Tendenzen kennen. Das Gehirn sagt: „Das kenne ich schon, langweilig!“, während die Finger aber noch lange nicht sicher sind.

Hände einer Frau, die unsicher über den Klaviertasten schweben

Ich habe festgestellt, dass ich eine Struktur brauche, die mich intellektuell fordert, damit ich nicht abschalte. In der RS-Piano-Akademie habe ich Ansätze gefunden, die mir helfen, das Auswendiglernen nicht als monotones Pauken, sondern als harmonische Analyse zu begreifen. Wenn ich verstehe, dass die linke Hand gerade eine Kadenz vorbereitet, kann ich es mir besser merken, als wenn ich nur versuche, mir die Position der Finger zu merken. Falls du dich auch fragst, welcher Weg für dich besser ist, schau dir mal meinen Text Klavier lernen App vs. Online-Kurs an.

Warum Woche 4 ein notwendiges Plateau ist

Diesen Sonntagabend fühle ich mich trotzdem ein bisschen erschöpft. Das Plateau in Woche 4 fühlt sich nicht wie Fortschritt an, sondern wie Stillstand. Aber vielleicht ist es genau das, was mein Kopf braucht: Zeit, um die alten Muster neu zu sortieren. Das Gehirn ist keine Festplatte, die man einfach überschreibt, es ist eher wie ein Garten, der nach Jahren der Vernachlässigung erst einmal umgegraben werden muss.

Tablet mit einem Online-Klavierkurs auf dem Notenständer eines Digitalpianos

Ich lerne gerade, dass Auswendiglernen für mich bedeutet, das Stück in kleine, logische „Häppchen“ zu zerlegen. Anstatt das Ganze zu erzwingen, nehme ich mir nur zwei Takte vor, bevor ich ins Bett gehe. Wenn ich dann am nächsten Morgen in der S-Bahn sitze, versuche ich, mir diese zwei Takte visuell vorzustellen. Das ist mein persönliches Gedaechtnistraining zwischen zwei Manuskripten.

Falls du auch gerade erst wieder angefangen hast und dich fragst, womit du dein Gedächtnis füttern sollst, ich habe hier eine Top-Liste mit leichten Stücken für den ersten Monat zusammengestellt. Manche davon sind so kurz, dass selbst mein streikendes Mai-Gedächtnis sie bewältigt.

Es ist okay, wenn die Finger noch nicht alles können, was der Kopf will. Wir haben ja Zeit. Die 52 Wochen eines strukturierten Jahreskurses, wie man ihn zum Beispiel bei Keyboard X findet, sind nicht ohne Grund so angelegt. Man kann das Klavierspielen nicht übers Knie brechen, besonders nicht mit 46 und einem vollen Terminkalender. Nächste Woche versuche ich es mal mit einer anderen Taktik: Das Notenheft bleibt zu, aber ich singe die Melodie, während ich den Abwasch mache. Mal sehen, was mein Gedächtnis dazu sagt.

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