
Der Akkord kippt schon beim zweiten Ton, meine rechte Hand findet keinen Halt, und die Katze hebt kurz den Kopf von der Klavierbank, als wollte sie das Missgeschick kommentieren. Genau so sieht mein Versuch gerade aus, einen Popsong frei zu begleiten – ohne Noten, nur nach Gehör, mit den paar Akkorden, die ich mir in den letzten Wochen zurückerobert habe. Acht Jahre Unterricht als Kind, und trotzdem sitze ich da wie eine komplette Anfängerin, sobald mir niemand mehr aufschreibt, welcher Finger wohin muss – das ist die Ausgangslage für meinen Wiedereinstieg in Sachen Klavierbegleitung.
In meinem Kopf schwirren dabei immer noch Begriffe wie Dreiklang und Umkehrung herum, aber die Finger reagieren trotzdem eine Sekunde zu spät. Theorie und Praxis sind offenbar zwei verschiedene Sprachen.
Das Muskelgedächtnis am Klavier braucht eben länger als der Kopf, um sich zu erinnern.
Zwei Wochen davor bin ich auf dem Heimweg vom Verlag über den Augustusplatz vor dem Gewandhaus gelaufen, und aus einem geöffneten Fenster kam Klaviermusik. Nicht virtuos, eher tastend, aber mit einem Groove, der mich fast stehenbleiben ließ. Genau dieses Gefühl wollte ich auch, ohne dass mir vorher jemand jede Note vorschreibt.
Also habe ich mir vorgenommen, das Begleiten ohne Notenblatt zu üben – nicht als Konzertpianistin, sondern als Frau, die abends nach den Korrekturfahnen einfach nur spielen will, statt nur zu entziffern.

Nach drei Videos war Schluss
Mein erster Versuch war ein YouTube-Kanal für erwachsene Anfänger, den mir jemand aus dem Klavierforum empfohlen hatte. Nach drei Videos habe ich aufgehört – die Stimme des Lehrers ging mir dermaßen auf die Nerven, dass ich lieber gar nicht übte, als mir ein viertes Video anzusehen. Klingt kleinlich, aber bei einem Hobby, das ohnehin schon Überwindung kostet, reicht so eine Kleinigkeit, um das ganze Vorhaben zu begraben.
Rosemarie aus dem Forum, die auf meinen allerersten Beitrag dort geantwortet hat, übt jeden Tag eine feste Stunde, immer mit Metronom – wir haben uns nie persönlich getroffen, sie wohnt in Hannover, aber ihre Disziplin beschämt mich ein bisschen. Bei mir sieht die Übungszeit deutlich unordentlicher aus.
Erst der Rhythmus, dann die Harmonie
Vergiss erst mal die komplizierten Akkordfolgen, dachte ich mir irgendwann – und das war der eigentliche Wendepunkt. Statt hunderte Griffe auswendig zu lernen, habe ich mich wochenlang nur auf die linke Hand konzentriert: simpler Basston, vier Schläge, bewusst langsam gespielt, viel langsamer, als mir lieb war, weil sich Fehler im Zeitlupentempo einfach früher zeigen. Die rechte Hand hat in dieser Zeit fast gar nichts gemacht.
Klingt öde, ist aber das Fundament. Sobald die linke Hand nicht stabil läuft, bricht rechts alles zusammen, kaum dass ein einziger Dreiklang dazukommt – diese Reihenfolge, erst der Puls, dann die Harmonie, war meine erste echte Übung in Handunabhängigkeit, auch wenn ich sie damals noch nicht so genannt hätte.
Nebenbei habe ich gemerkt, wie viel ein lockeres Handgelenk ausmacht – verkrampft man beim Basslauf, wird aus dem Puls schnell ein Stolpern, und auch der Anschlag klingt kantig statt rund. Der Klang hängt eben genauso von der Haltung ab wie vom richtigen Ton.
Vier Akkorde reichen für einen ganzen Song
Ein Akkord besteht oft aus nur drei Tönen, und trotzdem fühlte sich das am Anfang an wie ein unbezwingbarer Berg. Dabei reichen oft schon vier Grundakkorde, um erstaunlich viele Radiosongs zu tragen – die I., V., vi. und IV. Stufe, wenn man in Stufen statt in Notennamen denkt. Das habe ich mir mühsam wieder hergeleitet, fast wie eine alte Handschrift, die man langsam entziffert, und genau diese vier Griffe wurden zur harmonischen Grundlage, auf der seitdem fast alles andere aufbaut.
Wer sich dabei im Quintenzirkel orientieren kann, findet die passenden Nachbarakkorde fast automatisch, und irgendwann erkennt man die Intervalle dazwischen fast, bevor man sie bewusst benennt. Manchmal übe ich Akkordfolgen sogar im Kopf, auf dem Weg zur S-Bahn, ganz ohne Klavier vor mir – das hilft überraschend, wenn ich abends dann wirklich vor den Tasten sitze.
Woche 5 im Vergleich zu Woche 1
Letzten Sonntag habe ich mein altes Übungsheft aufgeschlagen und die Aufzeichnung von Woche 1 neben die von Woche 5 gelegt. Der Unterschied war größer, als ich erwartet hatte – nicht spektakulär, aber hörbar: weniger Zögern zwischen den Akkordwechseln, ein Basslauf, der nicht mehr aus dem Takt fällt, sobald die rechte Hand dazukommt.
Meine Schultern waren dabei zum ersten Mal wirklich locker. Ich musste nicht mehr auf ein Blatt starren, sondern konnte aus dem Fenster meiner Wohnzimmerecke in Leipzig-Gohlis schauen, während die Hände einfach weitermachten – das Digitalpiano steht dort zwischen Bücherregal und Fensterrahmen, und der Stapel alter Notenhefte auf dem Fensterbrett liegt inzwischen fast unberührt.
Irene hat mir dazu neulich eine Sprachnachricht geschickt, so wie sie mir eigentlich immer schreibt, wenn sie etwas loswerden will – wir kennen uns noch aus der Schulzeit, und sie findet es, in ihren eigenen Worten, seltsam schön, dass ich jetzt wieder anfange. Getippt hätte sie mir das nie.
Den Rest übernimmt das Gehör
Manchmal sitze ich einfach da, drücke zwei Töne, die zueinander passen, und lasse den Klang stehen. Keine Etüden, kein Druck – nur ich, das Klavier und eine Katze, die hoffentlich irgendwann lernt, dass die tiefen Tasten mir gehören.
Mit 46 noch einmal neu anzufangen bedeutet für mich vor allem eins: Man muss nicht jede Note perfekt vom Blatt lesen können, um eine Geschichte zu erzählen. Es reicht, den Takt zu halten und den Rest dem Gehör zu überlassen – und genau das nehme ich aus fünf Wochen Begleiten ohne Noten mit. Mein Weg zurück ans Klavier ist dadurch spürbar lebendiger geworden, weil ich mein eigenes Tempo bestimmen kann, ohne auf ein Blatt Papier angewiesen zu sein.