
Der Mythos vom eisernen Nervenkostüm
Kaum liegen meine Finger auf den Tasten, fängt die rechte Hand an zu zittern – noch bevor der erste Ton überhaupt klingt. Genau das soll beim Klavier-Wiedereinstieg mit 46 doch längst vorbei sein, dachte ich zumindest. Im Verlag sitze ich täglich unter Termindruck und bleibe ruhig, warum also nicht auch am Klavier? Lampenfieber fragt aber nicht nach Berufserfahrung. Es ist einer der hartnäckigsten Irrtümer rund ums Klavierspielen, dass zitternde Finger etwas mit fehlendem Können zu tun haben – ein Gedanke, den die Musikpsychologie längst widerlegt hat und den ich in meinem Klavier-Tagebuch inzwischen öfter widerlege, als mir lieb ist.
Dabei ist die Wahrheit simpler, und deutlich beruhigender.
Kommt das Zittern wirklich aus dem Kopf?
Lange habe ich gedacht, die Nervosität sitzt im Kopf – eine Angst vor dem falschen Ton, die sich erst danach körperlich entlädt. Der Körper schüttet Adrenalin aus, noch bevor der Gedanke „gleich hört mir jemand zu" überhaupt fertig gedacht ist – ein ganz gewöhnlicher Tremor, wie ich inzwischen weiß, kein Zeichen von Schwäche. Die Nervosität meldet sich zuerst als Spannung im Arm, lange bevor der Kopf registriert, dass gerade etwas Wichtiges passiert – deshalb hilft es mehr, den Arm bewusst loszulassen, als sich gedanklich zu beruhigen.
Für mich war das eine kleine Befreiung.
Tonleitern lösen kein Lampenfieber
Vor einiger Zeit habe ich eine Probestunde bei einer Klavierlehrerin genommen, in der Hoffnung, dort auch etwas gegen die Nervosität zu lernen. Sie hat mir in der ersten halben Stunde ausschließlich Tonleitern aufgegeben – kein einziges Stück, keine einzige Note, die nach Musik klang. Die Idee dahinter: mehr Technik gleich mehr Sicherheit gleich weniger Zittern. Ich bin da nicht wieder hin. Nicht weil die Übungen falsch waren, sondern weil sie an der eigentlichen Ursache komplett vorbeigingen.

In meinem alten Notenheft von 1994 stehen noch Bleistiftnotizen von damals, und sie erinnern mich daran, dass ich mit achtzehn genau dasselbe Zittern kannte – nur hielt ich es damals für ein Zeichen fehlender Begabung. Inzwischen weiß ich es besser: Mir haben eher Klassische Klavierstücke für Wiedereinsteiger bei meineMusikschule Klavier geholfen, wieder Vertrauen aufzubauen, weil sie mich beim Musizieren gehalten haben statt bei reiner Fingerübung.
Die Energie in Bewegung umlenken
Stillsitzen und die Zähne zusammenbeißen macht das Zittern meistens schlimmer, nicht besser. Was tatsächlich hilft: die Finger kurz ausschütteln, den Arm einmal ganz locker hängen lassen, tief in den Bauch atmen – der Körper braucht ein Ventil für die Energie, kein Verbot.
Auf dem Rückweg vom Palmengarten, wo ich hin und wieder eine Runde drehe, bevor ich mich ans Klavier setze, ist mir das neulich wieder aufgefallen: Die Finger können längst, was der Kopf ihnen in dem Moment nicht zutraut. Es ist ähnlich wie beim Fahrradfahren nach Jahren Pause – die Fertigkeit bleibt im Körper gespeichert, nur der Blick von außen bringt sie kurz durcheinander.
Neulich habe ich nur mit der linken Hand geübt, ohne jeden Anspruch, dass es nach etwas klingt – und auf einmal musste ich über keinen einzigen Finger mehr nachdenken. Sie fanden die Töne von selbst, so wie sie es all die Jahre über konnten, nur dass ich vergessen hatte, ihnen das zuzutrauen.
Die ersten Takte im Kopf, bevor die Finger sie spielen
Mein Kollege Bruno aus dem Lektorat, zwei Büros weiter, ist überzeugt, Klavierlernen sei eigentlich wie Programmieren – man debuggt die Fehler Takt für Takt. Ganz falsch liegt er damit nicht. Bevor ich überhaupt die Hände auf die Tasten lege, gehe ich die ersten Takte oft im Kopf durch, so wie man Code vor der Ausführung noch einmal prüft. Wer sich die ersten Takte vorher im Kopf durchspielt, ohne die Finger auch nur zu bewegen, gibt den Händen später einen vertrauten Einstieg, wenn die Nerven übernehmen.
Was Erika aus der Musikrunde in Plagwitz weiß
Erika aus unserer Musikrunde in Plagwitz übt seit ihrer Rente jeden Tag und spielt technisch sauberer, als ich es je tun werde. Trotzdem hat sie mir letzten Donnerstag erzählt, dass ihr vor unseren kleinen Treffen manchmal noch die Hände kalt werden. Sie lobt selten – aber als sie das sagte, klang es nicht nach Trost, sondern nach einer schlichten Feststellung. Wenn selbst sie das kennt, hat Zittern offensichtlich nichts mit der reinen Übungszeit zu tun.
Zittern gehört dazu, nicht als Makel

Zwischendurch springt fast immer die Katze auf die Klavierbank und schnurrt sich gegen mein Bein, egal ob die Töne sitzen oder nicht. Das nimmt dem Ganzen die Wichtigkeit, die es in meinem Kopf oft gar nicht braucht.
Wenn beim nächsten Mal die Finger zittern, hilft es selten, sie zur Ruhe zu zwingen. Lockere stattdessen den Arm, spiel die ersten Takte einmal im Kopf durch, und fang dann einfach an – das Zittern verliert seine Bedeutung meistens von selbst, sobald die Musik läuft. Nicht weil es verschwindet, sondern weil es plötzlich egal wird.
An besonders anstrengenden Verlagstagen greife ich inzwischen bewusst zum Klavierspielen zum Entspannen nach der Arbeit als Ausgleich im Alltag, einfach um erst mal runterzukommen, bevor überhaupt jemand zuhört. Der Mythos vom ruhigen, souveränen Klavierspieler mag hartnäckig sein – aber zittern zu dürfen, ohne sich dafür erklären zu müssen, ist am Ende die eigentliche Übung.