Mein Klavierweg

Mentales Klaviertraining für Wiedereinsteiger: Stücke im Kopf üben ohne Klavier

Ich stehe in der Linie 16 Richtung Messegelände, es ist kurz nach acht, die S-Bahn ist vollgestopft mit Pendlern, die alle in ihre Handys starren. Mein Blick ist allerdings starr auf meine Aktentasche gerichtet, auf die meine Finger leise klopfen. Für die Umstehenden sieht es wahrscheinlich nur so aus, als wäre ich nervös wegen eines Manuskripts, das heute in den Druck muss. Aber in meinem Kopf läuft gerade das C-Dur Präludium von Bach – und zwar Takt für Takt. Ich versuche, die Bewegung meiner Daumen vor dem inneren Auge zu sehen, während die S-Bahn über die Gleise rattert. Willkommen in Woche 24 meines neuen Lebens als Klavier-Heimkehrerin.

Es ist jetzt Anfang August, und wenn ich auf die letzten Monate seit meinem 46. Geburtstag zurückblicke, ist das die wohl kurioseste Entdeckung: Man braucht gar kein Klavier, um zu üben. Zumindest nicht die ganze Zeit. Als Verlagslektorin verbringe ich den Großteil meines Tages damit, Sätze zu glätten und in Gedankenwelten anderer Leute abzutauchen. Da liegt es eigentlich nah, auch die Musik in den Kopf zu verlegen. Aber erst in diesem regnerischen Frühsommer, als die Arbeit im Verlag so richtig überhandnahm, habe ich angefangen, das systematisch zu nutzen. Man nennt es wohl vornehm mentales Training, aber für mich fühlt es sich eher wie ein privater kleiner Rückzugsort an, den ich immer dabei habe.

Das gelbe Notenheft von 1994 und die 88 Tasten im Kopf

Alles fing damit an, dass ich mein altes Notenheft von 1994 wieder hervorgekramt habe. Damals, kurz nach dem Abitur, war das mein letztes großes Projekt, bevor ich die Klappe für fast drei Jahrzehnte schloss. Das Papier riecht heute nach einer Mischung aus altem Dachboden und dem Leben, das ich damals führen wollte. Wenn ich mich jetzt sonntagabends an mein digitales Klavier setze, mischt sich dieser Geruch mit dem Duft von Katzenfell – meine Katze hat es sich nämlich zur Angewohnheit gemacht, genau dann auf der Klavierbank zu thronen, wenn ich die ersten Akkorde anstimme.

Ich habe acht Jahre lang als Kind und Jugendliche Unterricht gehabt, aber das ist eine Ewigkeit her. Mein Gehirn erinnert sich noch vage an die Theorie, aber die Finger sind steif geworden. Beim mentalen Training versuche ich, die Klaviatur zu visualisieren. Ein Standard-Klavier hat 88 Tasten – 52 weiße, 36 schwarze. Ich schließe in der Mittagspause im Büro kurz die Augen und versuche, ein bestimmtes Intervall zu „sehen“. Wo genau liegt das kleine f? Wie weit ist der Sprung zum a? Es ist faszinierend und erschreckend zugleich: Wenn ich eine Stelle im Kopf nicht „spielen“ kann, dann kann ich sie meistens auch am Instrument nicht. Das Gehirn ist da gnadenlos ehrlich.

Warum wir Fehler im Kopf üben sollten (Der unkonventionelle Weg)

Überall liest man, man solle sich das Stück perfekt vorstellen. Jede Note rein, jeder Anschlag in idealem 440 Hz-Glanz. Aber ich habe für mich eine andere Methode entdeckt, die mir viel mehr hilft: Ich simuliere meine Fehler. Das klingt erst einmal kontraproduktiv, oder? Aber als Wiedereinsteigerin sind es oft dieselben Stolperfallen, die mich aus dem Konzept bringen. Ein bestimmter Triller in einer Invention, bei dem mein Ringfinger der linken Hand einfach nicht gehorchen will.

Letzten Mittwoch saß ich in einer besonders zähen Redaktionssitzung. Während über die Schriftart eines neuen Covers debattiert wurde, spürte ich diesen leichten, unwillkürlichen Zucken in meinem linken Ringfinger. Ich navigierte im Kopf gerade durch eine schwierige Akkordfolge und stellte mir ganz bewusst vor, wie ich danebengreife – und wie ich mich sofort korrigiere. Ich programmiere mein Nervensystem proaktiv auf die Stolperfallen. Wenn ich dann abends zu Hause endlich die Kopfhörer aufsetze, merke ich, dass die Panik vor dieser einen Stelle weg ist. Ich habe den Fehler ja schon „durchlebt“ und gelöst.

Manchmal hilft es auch, sich die haptische Beschaffenheit der Tasten vorzustellen. Wie sich der Widerstand anfühlt, wenn man die Taste tief drückt. Das ist fast wie eine Form von Meditation. Wer tiefer in das Thema eintauchen will, dem empfehle ich die Gieseking-Leimer-Methode, die genau darauf basiert: Erst den Text im Kopf verstehen, dann die Finger bewegen. Ich bin zwar weit davon entfernt, eine Konzertpianistin zu sein, aber diese Herangehensweise nimmt mir den Druck, stundenlang physisch am Gerät sitzen zu müssen, wenn der Alltag es einfach nicht zulässt.

Ein verregneter Sonntag und die Wahrheit auf der Bank

In der letzten Juniwoche hatten wir einen dieser typischen Leipziger Regentage. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, zwei Stunden lang Etüden zu pauken, aber die Kopfschmerzen waren stärker. Anstatt mich zu zwingen, legte ich mich aufs Sofa. Die Katze kam sofort an, und ich begann, ein Chopin Nocturne Note für Note im Kopf durchzugehen. Ich stellte mir vor, wie die Noten auf dem vergilbten Papier von 1994 aussehen.

Dabei fiel mir auf, dass ich in Takt 12 immer eine falsche Note „hörte“. Als ich später, als der Regen nachließ, kurz ans Klavier ging, bestätigte sich das: Ich hatte mir einen falschen Ton eingeprägt. Ohne das mentale Training wäre mir das wahrscheinlich erst nach Wochen aufgefallen, weil die Finger es einfach aus Gewohnheit falsch gemacht hätten. Das ist das Schöne am Wiedereinstieg mit 46: Man hat zwar weniger Zeit als mit 12, aber man hat eine ganz andere Aufmerksamkeit für die Details. Man merkt eher, wie das Muskelgedächtnis am Klavier manchmal gegen einen arbeitet, wenn man nicht aufpasst.

Dienstreisen und die stille Tastatur

Im Juli war ich für ein paar Tage auf einer Buchmesse. Kein Klavier weit und breit, nur Hotelzimmer und Zugfahrten. Früher hätte ich gedacht: „Toll, jetzt verliere ich wieder den Anschluss.“ Aber diesmal hatte ich meine Noten als Kopie dabei. Ich saß im ICE und habe Fingersätze markiert. Ich habe mir vorgestellt, wie ich die Tasten drücke, während draußen die Landschaft vorbeizog. Es ist ein bisschen wie Trockenschwimmen, aber es funktioniert.

Was ich dabei gelernt habe: Man darf nicht zu streng mit sich sein. Wenn die Konzentration nachlässt und man im Kopf plötzlich bei der Einkaufsliste landet statt beim Bach-Präludium, dann ist das eben so. Dann klappt es vielleicht morgen wieder besser. Ich versuche oft, mir die Harmonien klarzumachen, indem ich sie im Geist transponiere, was mir hilft, die Struktur besser zu verstehen. Wer das auch probieren möchte, findet in meinem Beitrag über das Transponieren lernen für Wiedereinsteiger ein paar Tipps dazu, wie man Harmonien neu begreift.

Heute Abend, es ist jetzt Sonntag, ist die Wohnung ruhig. Die Katze hat gerade ihren Platz auf der Klavierbank geräumt, wahrscheinlich hat sie Hunger. Ich setze mich hin, und die Woche voll mentalem Training zahlt sich aus. Die Finger finden den Weg fast von selbst. Es ist kein perfektes Spiel, bei weitem nicht. Manchmal rutsche ich ab, manchmal vergesse ich das Pedal. Aber das Gefühl, dass die Musik auch in mir existiert, wenn ich nicht vor dem Instrument sitze, ist unbezahlbar. Es macht den Wiedereinstieg weniger zu einer Pflichtaufgabe und mehr zu einem Teil meines Denkens. Und genau das ist es ja, was ich gesucht habe, als ich mir dieses Geschenk zum 46. gemacht habe.

Vielleicht probierst du es morgen in der Bahn auch mal aus? Einfach die Augen zu und den ersten Takt deines aktuellen Lieblingsstücks vor das geistige Auge rufen. Es ist erstaunlich, wie viel man dort entdecken kann, was man am echten Klavier vor lauter Konzentration auf die Technik oft übersieht.

Verwandte Artikel