
Es ist Sonntagabend in Leipzig, der Regen trommelt gegen die Scheiben meines Arbeitszimmers und ich starre auf meine alten Notenhefte von 1994. Ein Chopin Nocturne liegt aufgeschlagen da, die Seiten sind an den Ecken schon ganz gelb. Aber heute ist etwas anders.
Ich habe das Heft nicht angefasst. Stattdessen starre ich auf die 88 Tasten meines Digitalpianos und spüre diese seltsame, fast lähmende Angst vor der Stille, die sofort eintritt, wenn ich aufhöre, Noten zu lesen. Als Verlagslektorin bin ich es gewohnt, bestehende Texte zu korrigieren, zu schleifen und zu strukturieren. Aber etwas völlig Neues aus dem Nichts zu erschaffen? Eine leere Tastatur fühlt sich für mich genau so bedrohlich an wie eine leere weiße Seite im Manuskript.
Ich habe mich jahrelang als „Notensklavin“ gefühlt. Wenn das Blatt weg war, war die Musik weg. Aber in den letzten Wochen, seit dem späten November letzten Jahres, habe ich angefangen, das zu ändern. Ganz vorsichtig. Ohne Theorie-Wälzer, einfach nur ich und die Tasten.
Die Angst vor dem falschen Ton verlieren
Mein größtes Problem beim Wiedereinstieg war die Perfektion. Ich wollte, dass es sofort so klingt wie auf der alten CD, die ich früher im Studium gehört habe. Aber Improvisation ist kein Konzert. Es ist ein Gespräch mit sich selbst. Letzten Mittwoch saß ich am Klavier, die Katze lag wie immer zusammengerollt auf dem rechten Ende der Klavierbank und beobachtete meine rechte Hand.

Ich merkte, dass ich mich blockierte, weil ich versuchte, in Akkordfolgen zu denken, die ich noch gar nicht ganz verstanden habe. Dabei ist die Lösung viel simpler, wenn man einfach nur die „Farbe“ eines Moments einfangen will, statt eine perfekte Harmonielehre anzuwenden. Ich habe aufgehört, mich zu fragen, welcher Akkord als Nächstes kommen „muss“. Stattdessen habe ich mich gefragt: Wie klingt der Regen draußen? Oder wie klingt die Müdigkeit nach acht Stunden Manuskriptarbeit?
Die „Schwarze-Tasten-Methode“: Mein Durchbruch im Winter
Während der dunklen Wintermonate habe ich eine Übung entdeckt, die alles verändert hat. Sie ist so simpel, dass ich mich fast schäme, sie erst mit 46 entdeckt zu haben. Es ist die Pentatonik der schwarzen Tasten. Wenn man nur die schwarzen Tasten benutzt, gibt es keine „falschen“ Töne. Es klingt immer irgendwie nach Fernost, nach Filmmusik oder nach einer schwebenden Wolke.
Ich schließe die Augen. Die matte Textur der schwarzen Tasten unter meinen Fingerkuppen fühlt sich so viel griffiger an als das glatte Weiß. Ich drücke mit der linken Hand einfach zwei schwarze Tasten tief unten im Bass und halte sie – ein sogenannter Bordun. Das subtile Vibrieren der Lautsprecher meines Digitalpianos gegen meine Knie gibt mir ein Gefühl von Sicherheit.
Mit der rechten Hand fange ich an zu wandern. Nur auf diesen 5 Tönen der Pentatonik. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Mein Digitalpiano verarbeitet dabei bis zu 128 verschiedene Anschlagsstärken (MIDI Velocity), und ich spiele damit. Mal nur ein sanftes Hauchen, mal ein hartes Pochen. Ich habe gemerkt, dass meine Finger das noch können – dieses Suchen nach einer Melodie, die nirgendwo geschrieben steht.

Vom Muster zum Gefühl: Übungen für zwischendurch
Ein großer Teil meines Wiedereinstiegs bestand darin, die Steifheit loszuwerden. In Woche 1 meines Tagebuchs habe ich noch darüber geklagt, wie unbeweglich meine Gelenke geworden sind. Beim Improvisieren ist das egal. Hier sind drei kleine Dinge, die ich in den letzten Wochen ausprobiert habe:
- Die linke Hand als Anker: Ich spiele links nur eine Quinte (zum Beispiel Fis und Cis auf den schwarzen Tasten) und lasse sie liegen. Das gibt der rechten Hand den Raum, völlig frei zu sein.
- Drei-Noten-Motive: Ich suche mir drei Töne aus und versuche, daraus zehn verschiedene Rhythmen zu machen. Mal ganz kurz, mal langgezogen.
- Nachahmung: Ich versuche, das Geräusch der S-Bahn nachzuahmen, die unten an meiner Wohnung vorbeifährt. Zwei Töne, die leicht gegeneinander reiben.
Ich frage mich oft, ob meine alte Klavierlehrerin sauer wäre, dass ich endlich Spaß habe, indem ich alles ignoriere, was sie mir über strengen Rhythmus beigebracht hat. Damals, 1994, war alles so starr. Die fünf Linien des Notensystems waren wie Gefängnismauern. Heute sind sie für mich eher wie ein Geländer, an dem ich mich festhalten kann, wenn ich will – aber ich muss es nicht.

Warum wir keine Harmonielehre-Profis sein müssen
Oft liest man, dass man erst alle Skalen und Kadenzen beherrschen muss, bevor man improvisieren darf. Ich glaube: Das ist Quatsch für uns Wiedereinsteiger. Wenn ich versuche, theoretisch zu konstruieren, klingt es hölzern. Wenn ich aber versuche, eine emotionale Klangfarbe zu imitieren – zum Beispiel das Licht der Straßenlaternen auf dem nassen Asphalt –, dann bewegen sich meine Finger fast von allein.
Natürlich klappt das nicht immer. Letzten Sonntag wollte ich etwas „Fröhliches“ improvisieren und es klang einfach nur nach einem verstimmten Kinderklavier. Ich habe nach fünf Minuten frustriert aufgehört und stattdessen Tee getrunken. Das gehört dazu. Mein Gedächtnis und meine Kreativität sind manchmal wie ein alter Motor, der erst warmlaufen muss. Das habe ich besonders gemerkt, als ich versucht habe, Klavierstücke auswendig zu lernen – mein Kopf braucht diese Pausen und die Freiheit, auch mal Unsinn zu spielen.
Das 46-jährige Gehirn und die Freiheit
Jetzt, Ende Mai, merke ich, dass diese kleinen Improvisations-Einheiten mein Spiel insgesamt verändert haben. Ich gehe viel entspannter an die „echten“ Stücke heran. Wenn ich mich bei einer Bach-Invention verspiele, gerate ich nicht mehr so schnell in Panik. Ich spinne den falschen Ton manchmal einfach kurz weiter, bis ich wieder zurückfinde.

Improvisieren zu lernen bedeutet für mich vor allem, die Erlaubnis zu haben, hässliche Töne zu produzieren. In einer Mietwohnung in Leipzig ist das manchmal eine Herausforderung (dafür liebe ich meine Kopfhörer!), aber es befreit ungemein. Ich muss keine Konzertpianistin mehr werden. Ich muss niemanden beeindrucken außer vielleicht die Katze, die meistens ohnehin beim tiefen C einschläft.
Hast du dich schon mal getraut, die Noten einfach zuzuklappen und nur auf den schwarzen Tasten zu wandern? Probier es mal aus, wenn es draußen regnet. Es ist wie ein geheimes Zimmer in deinem Kopf, das du nach 30 Jahren Pause endlich wieder aufschließt.