Mein Klavierweg

Klavierspielen als Gedächtnistraining für Wiedereinsteiger im Alter von 40 plus

Klavierspielen als Gedächtnistraining für Wiedereinsteiger im Alter von 40 plus

Es ist wieder dieser Moment am Sonntagabend – die S-Bahn rattert draußen in Richtung Hauptbahnhof, der Tee dampft neben mir, und meine Katze hat es sich bereits auf der Klavierbank gemütlich gemacht. Sie weiß genau, dass ich jetzt die Abdeckung von meinem Digitalpiano hochklappe. Heute habe ich mein altes Bach-Heft herausgekramt. Der spezifische, leicht staubige Geruch der vergilbten Ränder meines alten Bach-Hefts, das seit 1994 in einem Umzugskarton lag, katapultiert mich sofort zurück in mein altes Kinderzimmer – nur dass ich heute keine 18 mehr bin, sondern eine 46-jährige Lektorin, die versucht, ihre grauen Zellen wieder in Schwung zu bringen.

Bevor ich dir von meinen Fortschritten (und den glorreichen Fehlversuchen) erzähle: Ein kleiner Hinweis. In meinen Texten findest du manchmal Affiliate-Links zu Kursen, die ich selbst für meinen Wiedereinstieg nutze. Wenn du darüber etwas kaufst, erhalte ich eine Provision, ohne dass es für dich teurer wird. Ich empfehle nur, was bei mir im Wohnzimmer in Leipzig auch wirklich auf dem Notenständer landet. Hier ist meine Offenlegung.

Das Gehirn im Wartungsmodus: Wenn die Finger die Verbindung verlieren

Kennst du das? Du liest eine Zeile im Manuskript (oder in meinem Fall: eine Partitur), dein Kopf versteht die Note, er identifiziert das 'Fis' sofort, aber der Befehl kommt einfach nicht unten an. Es ist, als gäbe es eine Baustelle auf der Datenautobahn zwischen meinem Gehirn und meiner linken Hand. Letzten Mittwoch war so ein Tag. Ich versuchte, eine einfache C-Dur-Tonleiter schnell zu spielen, und meine linke Hand stoppte einfach mitten im Lauf, als hätte sie die Verbindung zum Kopf komplett verloren. Ein klassischer Systemabsturz mit 46.

Klavierspielen ist ja eigentlich das ultimative Gehirntraining. Man aktiviert die Neuroplastizität, indem man beide Gehirnhälften gleichzeitig fordert. Das Corpus callosum, diese Brücke zwischen den Hemisphären, muss Schwerstarbeit leisten. Aber nach über 25 Jahren Pause fühlt sich diese Brücke eher wie ein verrosteter Steg an. Ich merke beim Üben oft ein kribbelndes Wärmegefühl in den Unterarmen nach einer halben Stunde konzentrierten Übens – das fühlt sich völlig anders an als die dumpfe Müdigkeit nach acht Stunden Tippen von Manuskripten im Verlag. Es ist eine 'gute' Erschöpfung, die mir zeigt: Da oben passiert gerade was.

Nahaufnahme von Händen einer Frau beim Klavierspielen in warmem Licht.

Klavierüben im Ausnahmezustand: Die Realität einer pflegenden Angehörigen

Es gibt viele Ratgeber, die einem sagen, man solle jeden Tag zur exakt gleichen Zeit üben. Aber ganz ehrlich? Wenn man wie ich zusätzlich zum Job noch die Pflege eines Angehörigen koordiniert, ist 'Routine' ein Fremdwort. Ein plötzlicher Anruf, ein emotionaler Notfall, und schon ist die kognitive Kapazität für komplexe Klavierstücke zum Auswendiglernen einfach weg. In solchen Momenten starre ich auf die 88 Tasten meines Pianos und fühle mich überfordert.

Ich habe gelernt, dass Gedächtnistraining am Klavier in diesen Phasen anders funktionieren muss. Es geht nicht darum, das Chopin Nocturne perfekt durchzuspielen, wenn der Kopf voll mit Medikamentenplänen ist. Manchmal reicht es, nur fünf Minuten lang eine Übung zur Koordination beider Hände zu machen. Das Klavier wird dann zum Anker, nicht zur weiteren Pflichtaufgabe. Es ist dieses Umschalten von der emotionalen Belastung der Pflege hin zur rein mathematischen Struktur einer Bach-Invention, das mein Gehirn rettet. Es ist wie ein Reset-Knopf für das Arbeitsgedächtnis.

Struktur finden mit der RS-Piano-Akademie

Ein verregneter Sonntagabend im November war der Wendepunkt. Ich merkte, dass ich mit meinem alten Notenheft von 1994 allein nicht weiterkomme. Das bloße Wiederholen alter Stücke reaktivierte zwar Nostalgie, aber keine neuen neuronalen Bahnen. Ich suchte nach etwas Systematischem, das mich fordert, ohne mich in meinem ohnehin stressigen Alltag zu erdrücken. So landete ich bei der RS-Piano-Akademie.

Was mir dort gefällt, ist der fast schon akademische, strukturierte Ansatz. Es ist kein 'Lern-mal-schnell-einen-Popsong'-Kurs, sondern es geht wirklich um das Verständnis des Instruments. Für mich als Lektorin, die Struktur liebt, war das genau das Richtige. Es hat mir geholfen, die kognitive Trägheit zu überwinden, die sich über die Jahre eingeschlichen hatte. Plötzlich merke ich, wie ich beim Lesen von Manuskripten wieder fokussierter bin – als hätte das Klavierspielen den Nebel im Kopf gelichtet.

Ein altes, vergilbtes Notenheft von Bach auf einem Notenständer.

Vom Suchen zum Finden: Fortschritte im Frühling

Mitte März, nach den ersten richtigen Sonnenstrahlen, passierte etwas Magisches. Ich saß am Klavier, die Katze schnurrte (oder schlief eher tief und fest auf der Bank), und ich spielte eine Passage, die ich seit Wochen geübt hatte. Plötzlich musste ich nicht mehr über jeden einzelnen Finger nachdenken. Es war, als hätte mein Gehirn die Datei endlich vom Langzeitgedächtnis in den Arbeitsspeicher geladen. Das ist der Moment, in dem man merkt, dass sich das Dranbleiben lohnt.

Ich habe mich neulich selbst gefragt, ob ich diese Etüden wirklich nur für mein Gehirn übe oder vielleicht doch nur, um der 18-jährigen Version meiner selbst zu beweisen, dass sie noch da ist. Wahrscheinlich ist es beides. Aber das Schöne am Alter 40 plus ist ja, dass man niemandem mehr etwas beweisen muss – außer sich selbst. Wenn ich heute eine Übung abbreche, weil der Tag zu hart war, dann ist das okay. Früher hätte ich mich geärgert, heute streichle ich die Katze und versuche es morgen wieder.

Falls du eher der Typ für einen festen Jahresplan bist: Ich habe mir auch Keyboard X angesehen. Die sind seit 13 Jahren am Markt und bieten einen sehr soliden 52-Wochen-Strukturplan an. Das ist toll, wenn man genau wissen will, was man in Woche 24 oder 38 tun soll. Für mich war es fast ein bisschen zu starr, aber für den Wiedereinstieg mit dem Wunsch nach maximaler Orientierung ist es eine fantastische Option.

Blick auf ein Digitalpiano mit 88 Tasten und einem Online-Kurs im Hintergrund.

Ein Ausblick: Der Sommer der Töne

Nach etwa sechs Monaten regelmäßigen Übens (mit all den Unterbrechungen, die das Leben so bereithält) ziehe ich eine kleine Bilanz. Mein Gedächtnis fühlt sich 'elastischer' an. Das Klavier ist mein tägliches Training gegen das emotionale Ausbrennen. Eines Abends im vergangenen Mai saß ich da und spielte einfach nur Akkorde, ohne Noten, nur nach Gefühl. Das hätte ich mich vor einem Jahr nie getraut.

Wenn du auch überlegst, dein altes Hobby wiederzubeleben: Tu es nicht für den Applaus. Tu es für das kribbelnde Gefühl in den Fingern und das wunderbare Chaos in deinem Kopf, das sich beim Spielen langsam ordnet. Es ist nie zu spät, die 88 Tasten neu zu entdecken und dem Gehirn eine Freude zu machen – selbst wenn die Katze den Platz auf der Bank nicht kampflos räumt.

Vielleicht startest du ja erst mal ganz unverbindlich, um zu sehen, ob die Finger noch wollen? Ein guter Einstieg ohne großes finanzielles Risiko ist meineMusikschule Klavier. Es ist perfekt, um erst mal wieder reinzuschnuppern, bevor man sich an die großen akademischen Kurse wagt. Egal wie du anfängst: Hauptsache, du fängst an. Dein Gehirn wird es dir danken.

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