Mein Klavierweg

Triller und Verzierungen am Klavier richtig spielen lernen für Wiedereinsteiger

Triller und Verzierungen am Klavier richtig spielen lernen für Wiedereinsteiger

Es ist Sonntagabend hier in Leipzig, draußen regnet es gegen die hohen Fenster meiner Altbauwohnung, und ich sitze vor meinem digitalen Klavier. Eigentlich wollte ich nur noch eine halbe Stunde die Mozart-Sonate durchgehen, aber mein Triller im achten Takt klingt nicht wie das feine Tirilieren eines Vogels – er klingt eher wie ein hölzerner Karren, der über Kopfsteinpflaster in der Südvorstadt rumpelt. Meine Finger fühlen sich steif an, fast so, als hätten sie die letzten dreißig Jahre im Winterschlaf verbracht, was sie ja technisch gesehen auch haben.

Ich habe das alte Henle-Heft von 1994 aufgeschlagen. Wenn ich die Nase ganz nah an die vergilbten Seiten halte, steigen mir diese ganz feinen Nuancen von Vanille und altem Papier entgegen – ein krasser Kontrast zum kühlen, glatten Kunststoff der neuen Tasten unter meinen Händen. Damals, mit sechzehn, dachte ich, Verzierungen seien einfach nur dazu da, um zu zeigen, wie schnell man ist. Heute weiß ich: Sie sind der Schmuck, aber der Schmuck muss atmen, sonst wirkt das ganze Stück erdrückt.

Das Comeback der störrischen Finger

Mitte Februar fing es an. Ich saß da und wollte eine kleine Invention von Bach spielen. Die Noten sahen so harmlos aus, bis diese kleinen Schlängellinien über den Noten auftauchten. Mein Ringfinger – der vierte, dieser ewige Sorgenkandidat – weigerte sich schlichtweg, mit dem Mittelfinger zu kooperieren. Es ist faszinierend und frustrierend zugleich: Mein Kopf weiß genau, was zu tun ist, aber die Nervenbahnen scheinen irgendwo zwischen 1994 und heute eine Umleitung genommen zu haben.

Ich merke dann oft eine scharfe, nur zu bekannte Enge im äußeren Unterarm, wenn ich versuche, einen Triller mit purer Kraft aus dem Ringfinger zu erzwingen, statt die Rotation des Handgelenks zu nutzen. Es ist dieser Moment, in dem ich kurz innehalten muss. Die Katze, die es sich meistens auf dem freien Stück der Klavierbank gemütlich macht, schaut mich dann nur vorwurfsvoll an, weil mein rhythmisches Stocken ihren Schlaf stört. Sie ist eine harte Kritikerin, was die Gleichmäßigkeit angeht.

Nahaufnahme von Händen beim Spielen eines Trillers auf einer Klaviatur mit warmem Licht.

Beim Wiedereinstieg neigt man dazu, die Verzierung als isoliertes Problem zu betrachten. „Ich muss diesen Triller schneller üben“, sage ich mir dann. Aber das ist der Fehler. Ich habe in den letzten Monaten gelernt, dass Verzierungen – ob nun Pralltriller, Mordent oder Doppelschlag – keine mechanischen Fremdkörper sind. Sie sind harmonische Ereignisse. Wenn man sie nur als „schnelle Noten“ begreift, verlieren sie ihren Glanz. Sie müssen sich aus der Melodie entwickeln, wie eine Blüte, die sich öffnet.

Bachs Geheimcode von 1720

An einem Sonntagabend im April habe ich mich endlich getraut, tiefer in die Materie einzusteigen. Ich habe mir die „Explicatio unterschiedlicher Zeichen“ angesehen, die Johann Sebastian Bach im Jahr 1720 für seinen Sohn Wilhelm Friedemann im Klavierbüchlein notiert hat. Es ist quasi die Ur-Anleitung für alles, was wir heute über Barock-Verzierungen wissen. Damals wurde noch viel mehr dem Geschmack des Spielers überlassen, aber Bach war zum Glück ordentlich genug, uns diese Tabelle zu hinterlassen.

Die wichtigste Erkenntnis für mich war: Im Barock beginnen Triller fast immer auf der oberen Nebennote. Das verändert alles! Es geht nicht nur darum, die Hauptnote zu verzieren, sondern durch die obere Note eine kleine Dissonanz, eine Reibung zu erzeugen, die sich dann auflöst. Wenn ich das so betrachte, verliert der Triller seinen technischen Schrecken. Er wird zu einem Gespräch zwischen zwei Tönen. Wenn ich versuche, diese Spannung zu hören, entspannt sich mein Handgelenk fast von selbst, weil der Fokus nicht mehr auf der Geschwindigkeit liegt, sondern auf dem Klang.

Natürlich hilft es auch, wenn das Instrument mitspielt. Mein digitales Klavier hat zwar die vollen 88 Tasten und eine ordentliche Hammermechanik, aber es verzeiht weniger als ein alter Flügel. Die Präzision, die man hier braucht, erinnert mich manchmal an meine Arbeit im Lektorat: Ein kleiner Fehler in der Interpunktion verändert den ganzen Satzbau. So ist es auch mit einem unsauberen Mordent – er bringt den ganzen Takt aus dem Gleichgewicht.

Übungsstrategien für eingerostete Hände

Nach etwa sechs Wochen gezielten Übens habe ich gemerkt, dass es nichts bringt, den Triller im Tempo des Stücks zu erzwingen. Ich arbeite jetzt viel mit Vorhalten. Ich spiele die obere Note lang und die untere kurz, dann umgekehrt. Das schult die Unabhängigkeit. Manchmal komme ich mir dabei vor wie bei den ersten Fahrstunden, wenn man versucht, Kupplung und Gas gleichzeitig zu koordinieren, ohne dass der Motor absäuft.

Was mir auch geholfen hat, war die Rückbesinnung auf die Basics. Ich habe angefangen, meine Tonleiterübungen mit kleinen Verzierungen zu spicken. Es ist erstaunlich, wie sehr das Muskelgedächtnis am Klavier nach all den Jahren doch noch reagiert, wenn man ihm nur die richtigen Reize gibt. Es ist, als würde man eine alte Sprache wiederentdecken – die Vokabeln sind noch da, sie sind nur ein bisschen verstaubt.

Altes, vergilbtes Notenheft mit Bleistiftnotizen und barocken Verzierungszeichen auf einem Notenständer.

Ein konkreter Tipp, den ich mir selbst immer wieder geben muss: Nicht die Finger heben! Je weniger Weg die Taste zurücklegen muss, desto schneller und lockerer wird der Triller. Ich stelle mir oft vor, ich würde nur die Oberfläche der Tasten kitzeln. Das digitale Piano ist auf den Kammerton 440 Hz gestimmt, alles ist perfekt, nur meine Motorik muss sich dieser Perfektion noch ein wenig anpassen. Aber hey, wir haben Zeit. Ich bin 46, nicht 106.

Die Sache mit der Lockerheit

Eines der größten Hindernisse beim Wiedereinstieg ist der eigene Ehrgeiz. Wir wollen, dass es sofort so klingt wie auf der CD (oder heute: auf Spotify). Aber Verzierungen brauchen physische Freiheit. Wenn ich merke, dass mein ganzer Arm fest wird, breche ich die Einheit ab. Ich gehe dann kurz in die Küche, mache mir einen Tee oder beobachte die Nachbarn, die versuchen, ihr Lastenrad im Hinterhof einzuparken. Diese kleinen Pausen sind Gold wert.

Ich habe auch festgestellt, dass Tonleitern am Klavier zu üben eine hervorragende Vorbereitung für Triller ist, weil sie die Handstellung stabilisieren. Wenn die Hand ruhig liegt, können die Finger viel freier agieren. Ein Triller sollte niemals aus dem ganzen Arm kommen – der Arm trägt die Hand nur an den richtigen Ort, die Arbeit machen die Fingergelenke, unterstützt durch eine ganz feine Rotation des Unterarms, fast wie beim Umdrehen eines Schlüssels im Schloss.

Anfang Juli hatte ich diesen einen Moment, in dem ein Chopin-Nocturne plötzlich „klick“ machte. Der kleine Triller am Ende der Phrase war nicht perfekt, aber er war leicht. Er fühlte sich nicht mehr wie Arbeit an, sondern wie ein Ausatmen. Das war der Moment, in dem ich begriff: Die Technik ist nur das Mittel zum Zweck. Der Zweck ist die Musik.

Eine gemütliche Ecke zum Klavierüben mit einer Tasse Tee und einer Katze im Hintergrund.

Mein Fazit für heute Abend

Jetzt ist es fast dunkel draußen. Die Katze hat sich inzwischen auf mein rechtes Bein gerollt, was das Pedalspiel etwas erschwert, aber ich bringe es nicht übers Herz, sie wegzuschieben. Ich schaue mir meine Hände an – sie sehen älter aus als 1994, die Gelenke sind ein bisschen markanter, die Haut nicht mehr ganz so glatt. Aber sie können Dinge, die sie damals nicht konnten. Sie können Nuancen hören, sie können geduldig sein.

Verzierungen sind für uns Wiedereinsteiger eine wunderbare Metapher. Wir versuchen, das Alte mit neuem Glanz zu versehen. Es geht nicht darum, die Schnellste zu sein. Es geht darum, jeden Ton so zu meinen, wie man ihn spielt. Wenn der Triller heute Abend noch ein bisschen holpert, dann ist das eben so. Morgen ist auch noch ein Tag, und das Klavier läuft nicht weg.

Vielleicht ist das die wichtigste Lektion: Die Musik ist kein Wettlauf. Sie ist ein Zustand. Und wenn ich die „Explicatio“ von Bach heute schließe, tue ich das mit dem Wissen, dass ich viel tiefer in die Seele dieser Stücke blicke als die 16-jährige Version meiner selbst. Die Finger mögen langsamer sein, aber das Verständnis ist reifer. Und am Ende ist es genau das, was zählt.

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